Freitag, 1. Juni 2012

flucht auf den kreuzberg

1525 floh Joachim I. auf Anraten seines Hofastrologen, Johann Carion, vor einer vermeintlichen Sintflut auf den Berliner Kreuzberg - und musste feststellen, dass nix weiter passierte.

1499 hatte der erst 15-jährige Joachim zusammen mit seinem 10-jährigen Bruder die Regentschaft über das brandenburgische Kurfürstentum übernommen. Die beiden traten ein schweres Erbe an, denn viele Ritterzüge hatten den Ruf Brandenburgs schwer beschädigt. Im deutschsprachigen Raum waren Spottsprüche, dass wenn etwas verloren ging, solle man es doch in Brandenburg suchen, weit verbreitet. Um der Lage Herr zu werden ging der frischgebackene Herrscher absolut gnadenlos gegen das Raubrittertum vor und machte vielen, darunter etliche Adelige, den Prozess - welcher oftmals mit einem Todesurteil endete. 1516 gründete er schließlich das Berliner Kammergericht, welches unparteiisch richten und zudem einen einvernehmlichen Vergleich anstreben sollte. Auch die Gründung der ersten brandenburgischen Universität 1506, die „Alma Mater Viadrina“ in Frankfurt, ging auf seine Kappe.

1519 spielte er einige Kinkerlitzchen die Kaiserwahl betreffend: zunächst bekannte er sich zum französischen König Franz I., gab dann aber doch Karl V. seine Stimme. Etwa zehn Jahre danach floh seine Frau vor ihm: als Befürworterin der Reformation hatte sie von ihrem streng katholischen Mann nix Gutes zu erwarten. Äußerst grausam zeigte sich Joachim I. außerdem in der brandenburgischen Judenverfolgung: 1510 verurteilte das Berliner Hochgericht über dreißig Juden zur Verbrennung. In Anbetracht dessen kommt das Motto des Herrschers „Iudicio et Iustitia" (Mit Urteil und Gerechtigkeit) recht zynisch daher.

Übrigens, auf dem Grabstein seines 1537 verstorbenen Hofastrologen steht: „Dr. Johannes Carion, Vertilger ungeheurer Weinkrüge, Wahrsager aus den Gestirnen, hochberühmt bei Machthabern, ist beim Gelage im Wettkampf erlegen. Christus verzeihe gnädig dem so plötzlich aus dem Kreise der Zechenden Zusammengebrochenen.“

Montag, 28. Mai 2012

pina rath - paradise lost

Heute mal ein Veranstaltungstipp für euch: Vom 15.-17. Juni findet in Berlin das 14. Kunst- und Kulturfestivals „48 Stunden Neukölln“ statt. Im letzten Jahr hieß das, dass an 330 Orten etwa 560 Veranstaltungen zu sehen waren. Darunter Ausstellungen, Live-Performance, Musik, usw. usw. – aber auch Outsider-Art und Amateurkunst bietet das Festival. Denn das ist das Besondere: Jeder, der mag kann sich anmelden und eine Veranstaltung anbieten – auch in privaten Räumen, oder einfach draußen auf der Straße.

Im Rahmen dieses Festivals präsentiert die Berliner Künstlerin Pina Rath (kostenlos) einige ihrer Werke im Café s-cultur (Erkstraße 1 – gegenüber Rathaus Neukölln) unter dem Titel „Paradise Lost“. Hier der Ankündigungsstext:

“It Is Better To Reign In Hell Than To Serve In Heaven” - John Milton
Wir sind zurück. Im Garten Eden waren wir verloren. Jetzt leben wir mit unserer Schande – und wir leben gut damit. Es gibt nichts zu bereuen. Alles würden wir wieder so machen.
Etwas Besseres als das Paradies finden wir überall.
Pina Rath setzt sich mit Liebe und Liebesglück als paradiesisches Moment, als heilige Institution und deren fatalem Scheitern in unserer Kultur auseinander. Pina Rath malt brutal scharf, was sie beobachten muss: in eurem Paradies gibt es nichts zu holen.
Im Gesamtkunstwerk Paradise Lost fließen visuelle, akustische und kulinarische Genüsse zusammen.
In dieser brenzligen Lage lohnt es sich, noch einmal in den Apfel zu beißen - und das Restaurant s-cultur bietet der dramatischen Situation kulinarisch die Stirn:

♠ Klare Consommé vom Paradiesapfel mit Rucolaravioli „Kain und Abel“ ♠
♠ Filet von Schwein und Strauß im Feigenblatt auf Portweinjus mit diabolischen Kartoffeln und Gemüse aus dem Garten Eden ♠
♠ Evas freches Früchtchen verschieden interpretiert ♠
exkl. Weinbegleitung p.P. 27,50 €
inkl. korrespondierender Weine p.P. 35,90 €


Freitag, 15.06.2012
19 Uhr:
Uraufführung: „The Wonderful World of Pina Rath“
Der Film von Golo Gott erzählt kaleidoskopisch von einem scheinbar typischen Künstlerleben,
er gibt uns Einblick in das Private und das Intime

20:00 und 21:30 Uhr:
Live Performance von Art Oliver Simon und Lukasz Klusek:
„Ätherische Studie für Klavier und Kontrabass“

Samstag, 16.06.2012
19 Uhr:
Pina Rath und Golo Gott performen eine szenische Lesung für Tenor und Orchester:
- Fukushima mon amour -
Schwerpunkt ist hier Japan - das im nuklearen Desaster verlorene Insel-Paradies

Sonntag, 17.06.2012
Ausklang mit Gitarrenmusik und Gesang

Ich selber kann leider nicht zum Festival gehen - bin erst wieder eine Woche später in Berlin. Aber vielleicht hat ja jemand von euch Zeit und Lust und kann hinterher berichten, wie's war? :)


Donnerstag, 24. Mai 2012

der kommissar ernst gennat

In der Nähe vom Berliner Ostbahnhof (damals schlesischer Bahnhof und wirklich keine gute Wohngegend) nahm die Berliner Polizei unter der Führung des legendären Berliner Kommissar Ernst Gennat am 21. August 1921 den Serienmörder Karl Großmann fest. Zwischen 1918 und 1921 hatte man 23 zerstückelte Frauenleichen rund um den Bahnhof gefunden.

Ernst Gennat gilt als Begründer der modernen Mordkommission und revolutionierte die gesamte Polizeiarbeit. Als er 1904 in den Polizeidienst kam, fand er sich eklatant ineffizienten Ermittlungsmethoden gegenüber. Er selbst spottete, dass die Suche nach einem Kommissar oftmals schwieriger gewesen sei, als den Mörder selbst du fassen. Denn es dauerte zumeist Stunden bis ein Beamter gefunden werden konnte, der sich dem Fall annahm. Und einen wirklich gut organisierten 24-Dienst gab es, trotz dem jüngst eingerichteten Mordbereitschaftsdienst, schlicht und ergreifend nicht. Hinzu kam, dass die Polizeiarbeit zumeist unter den preußisch militärischen Gepflogenheiten der Beamten litt. Die Beamten zerstörten regelmäßig wichtige Spuren, indem sie vor der Ermittlungsarbeit erstmal den Tatort aufräumten und zudem die Leiche angemessener hinlegten oder anzogen. Als weiteres Hindernis für eine erfolgreiche Aufklärung, wurden die Polizeiakten damals nicht archiviert und eine Zusammenarbeit über Städte-, geschweige denn Landesgrenzen hinaus gab es schon gar nicht.

Unter der Leitung Gennats nahm 1926, nach langen Behördenkämpfen, die allererste Mordinspektion ihre Arbeit auf und erzielte eine unglaubliche Aufklärungsquote von 95%. Sie ist in etwa vergleichbar mit der heutigen, aber damals standen den Beamten weder DNA-Tests noch andere moderne Geräte und Verfahren zur Verfügung. In seiner gesamten Laufbahn konnte Gennat 297 Morde aufklären. Denn er war nicht nur ein guter Analytiker sondern auch ein Meister des Verhörs: „Wer mir einen Beschuldigten anfasst, fliegt! Unsere Waffen sind Gehirn und Nerven!" pflegte er seinen Polizeischülern einzubläuen.

Gennat führte zudem ein umfassendes Akten-Archiv ein und pfiff dabei auf Zuständigkeitsbestimmungen. Auch das, in der Bevölkerung als Mordauto bekannte, erste fahrbare Kriminallabor wurde nach seinen Anweisungen konstruiert. Ausgestattet mit einem kleinen Büro sowie Materialen zur Spurensicherung konnte alles Notwenige sofort zum Tatort gefahren werden. Gennat saß stets rechts hinter dem Beifahrer, denn unter diesem Sitz hatte er eine Spezialverstrebung einbauen lassen, die verhinderte, dass der Wagen in Schieflage fahren musste, denn Gennart wog Schätzungen zufolge 135 Kilo. Dies verdankte er vor allem seiner Vorliebe für Kuchen.

Quellen:
Hahn, P.: Kriminalrat war spezialisiert auf Mord. In: Märkische Allgemeine Zeitung, (31.12.2004).
Berlin.de: Der Polizeipräsident in Berlin. http://www.berlin.de/polizei/wir-ueber-uns/historie/weimar.html (abgerufen am 21. Mai 2011)
Deutschlandradio Kultur: Modernisierer der Mordkommissionen. http://www.dradio.de/dlr/sendungen/merkmal/295627/ (abgerufen am 21. Mai 2011)

Donnerstag, 17. Mai 2012

doktorchen werner gladow

In der Berliner Schreinerstraße 52 lieferten sich 1949 die Polizei und „Doktorchen“ Werner Gladow eine einstündige Schießerei, bei der der erst 18-jährige Bandenchef schließlich von der Polizei festgenommen wurde.

Schon mit 16 Jahren war er einer der Hauptfiguren auf den Berliner Nachkriegs-Schwarzmärkten. Schnell steigerte er seine Gaunereien zu handfesten Einbrüchen mit seiner Bande, die stets in Anzug und Krawatte auftrat. Bei ihren Beutezügen nutzten sie die damals noch mauerlose Teilung Berlins: wenn sie irgendwo im Westen einbrachen, flohen sie anschließend in den Osten und umgekehrt. Die Verfolgung der Polizei endete jedes Mal an der Grenze von West und Ost. Nur einem kurzen Burgfrieden der beiden Berliner Polizeidienststellen ist es zu verdanken, dass einer von Gladows Bandenmitglieder gefasst werden konnte und dieser sie zu weiteren Komplizen führte, bis sich die Indizien schließlich verdichteten und Gladows Wohnsitz festgestellt werden konnte.

Die Anklagepunkte waren kaum noch zu zählen: ein toter Chauffeur, dessen Auto sie Unter den Linden geraubt hatten ging auf ihr Konto und auch ein Juwelier, der seiner Ware hinterherlief, wurde von ihnen ohne zu zögern abgeknallt. Ein anderer Juwelier wurde von ihnen in der Frankfurter Allee gefoltert, um von ihm das Versteckt seines Tresorschlüssels zu erfahren und als das nichts half, nahmen sie sich seine Frau vor. Sie schreckten auch nicht davor zurück in ein Wirtshaus einzufallen und allen Gästen die Brieftaschen abzunehmen. Als sich dort die 60-jährige Wirten zu wehren versuchte, schossen sie sie kurzerhand nieder.

Der Prozess fand im Ostsektor in dem als Gerichtssaal improvisierten Reichsbahndirektionsgebäude in der Torstraße 146 statt (das Gebäude wurde vor der NS-Diktatur übrigens als Israelitisches Krankenheim genutzt). Der Polizeipräsident Waldemar Schmidt kam zu den Verhandlungen stets mit einer Hundertschaft als Eskorte, denn neben Werner Gladow saßen noch elf seiner Komplizen auf der Anklagebank. Der Gerichtsaal war bis auf den letzten Platz mit Menschen gefüllt: Politiker, Polizeibeamte, Presse, Fernsehen und auch jede Menge Schaulustige, die Unsummen für die Publikumstickets auf dem Schwarzmarkt hingeblättert hatten, wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Selbst einige Westberliner, die den Ostsektor eigentlich unter keinen Umständen betreten wollten, sahen über ihre Prinzipien hinweg.

„Ich hatte noch ganz andere Sachen vor“, gestand Doktorchen Gladow kaltblütig während des Prozesses. „Die Bande war jetzt so prime im Schuß. 17 dicke Sachen klappten nacheinander wie am Schnürchen", zitierte ihn der Spiegel vom 6. April 1950. Dumm nur für den plauderfreudigen Gladow, dass er sich in Ost-Berlin hat festnehmen lassen, denn dort gab es damals noch die Todesstrafe. Und jene wurde schlussendlich auch gegen ihn und zwei seiner Bandenmitglieder verhängt. Die anderen Angeklagten wurden zu 4-15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Quellen:
Deutschlandradio Kultur: Vom Metzgersoh zum Gangsterboss. http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/363740/ (abgerufen am 23. Juni 2011).
Feuer unter Kaufmannsfüße. In: Der Spiegel, 14/1950.
ARD: Die Gladow-Bande - Chicago in Berlin. http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,rchseychrvx2k70uclofyyde~cm.asp (abgerufen am 23. Juni 2011).
Studnitz, P.: Schirach über famose Berliner Verbrechen. In: B.Z., 21.07.2010.
Edition Luisenstadt: Israelitisches Krankenheim. http://www.luise-berlin.de/lexikon/mitte/i/israelitisches_krankenheim.htm (abgerufen am 23. Juni 2011).
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