| ©Sarah-Maria |
Berlin war ebenso begeistert wie bestürzt, denn die Berber tanzte ihre Choreographien mit Titeln wie „Morphium“ oder „Kokain" stets nackt. „Im Metropol-Varieté [dem heutigen Standort der Komischen Oper] tritt eine Tänzerin Anita Berber auf, die eigentlich in allen ihren Tänzen sich in schamlosester Weise fast nackt produziert […] und vollführt durch Reiben und Streichen an ihren nackten Brustwarzen sinnlich aufreizende Posen. Die Tänzerin gefährdet unzweifelhaft ganz erheblich die Sittlichkeit und verletzt das Schamgefühl in unerhörter Weise", empörte sich 1926 ein Bürger bei der Polizei. Und es wurde sogleich ein Beamter ins Theater geschickt, um sich selbst ein Bild zu machen. Er war empört! Man hätte sie am Ende ihrer Show mit weitgespreizten Beinen auf der Bühne liegen sehen. Ein Strafverfahren wurde eingeleitet – jedoch schließlich wieder eingestellt.
Anita Berber wurde 1899 in Leipzig geboren und ging mit 15 Jahren zusammen mit Mutter und Großmutter in die damals drittgrößte Stadt der Welt – nach Berlin. Dort nahm sie zunächst Ballettunterricht und hatte bald ihre ersten Soloauftritte. Leni Riefenstahl, ihre damalige Ballettkollegin, war von ihr hingerissen und bemerkte über ihre spätere Karriere: „Ihr Körper war so vollkommen, dass ihre Nacktheit nie obszön wirkte.“
Auch Klaus Mann kannte die Berber und schrieb in der Zeitschrift „Die Bühne“ über eine Begegnung mit ihr: „Anita Berber war schon eine Legende. […] Sie war erst seit zwei oder drei Jahren berühmt, aber schon ein Symbol geworden. Verderbte Bürgermädchen kopierten die Berber, jede bessere Kokotte wollte möglichst genau wie sie aussehen. Nachkriegserotik, Kokain, Salomé, letzte Perversität: solche Begriffe bildeten den Strahlenkranz ihrer Glorie. Nebenbei wußten die Kenner, daß sie eine ausgezeichnete Tänzerin war.“ Und nun Butter bei die Fische: „Sie hatte einen Kavalier bei sich und es gab Sekt. Den Kavalier und mich nahm sie morgens um zwei in ihr Hotelzimmer mit. Ich war damals kaum 18 Jahre alt. 18jährige erschüttert ein solches geschminktes Gesicht. Ihr Gesicht war eine düstere und böse Maske. Der stark geschwungene Mund, den man sah, war keineswegs ihrer, vielmehr ein blutiges Machwerk aus dem Schminktöpfchen. Die kalkigen Wangen hatten violetten Schimmer. An den Augen mußte sie täglich eine Stunde mindestens arbeiten. – Sie sprach ununterbrochen und sie log furchtbar. Es war klar, daß sie sehr viel Kokain genommen hatte; sie bot auch mir welches an. [...] Sie erzählte mit ihrer heiseren Stimme die unglaublichsten Abenteuer; von Tieren, die sie hypnotisiert, von Mördern, denen sie geschickt ausgewichen. Dabei blieb die bittere Maske, die ihr Gesicht war, im Halbdunkel unbewegt."
Anita Berber lebte schnell und viel. Überall auf der Welt ließ sie die Hüllen fallen. Doch allzu versessen auf den Exzess wurde irgendwann frivol zu besessen und berauscht zu aggressiv. Sie fing an ihr Publikum zu beschimpfen, sprang mitunter sogar von der Bühne und zimmerte dem Nächstbesten eine Flasche über den Schädel. Einmal biss sie sogar einer Frau mitten auf der Straße fast den Finger ab, weil sie auf sie gezeigt hatte.
Am Ende ihres kurzen Lebens war sie ständig auf der Flucht vor diversen Klägern. Sie und ihr dritter Ehemann hatten es sich geradezu zum Sport gemacht, unzählige Exklusivverträge abzuschließen - und sie in den seltensten Fällen auch zu erfüllen. In Beirut brach sie schließlich während einer Vorstellung zusammen. „Galoppierende Schwindsucht“ hieß die Diagnose. Die Folgen ihres enormen Drogenkonsums. In einer langwierigen, vier Monate dauerenden Reise wurde sie zurück nach Berlin gebracht und starb kurz darauf am 10. November 1928 im Kreuzberger Bethanien-Krankenhaus. Sie wurde nur 28 Jahre alt.
Quellen:
Adorján, J.: Tänzerin Anita Berber - Das nackte Leben. In: Der Spiegel, (06.08.2006).
Walde, G.: Frivolste Frau der Weimarer Republik. In: Berliner Morgenpost, (10.06.2008).
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Galli, M.: Berlin, die Kunststadt. München: Bucher, 2009.
Ich kannte Anita Berber gar nicht, bin aber jetzt neugierig geworden.
AntwortenLöschenmir war Anita Berber ehrlich gesagt auch kein Begriff. Jetzt habe ich gerade nach Bildern zu Anita Berber gegoogelt - und bin beeindruckt.
AntwortenLöschenDanke für die Info - und lieber Gruß von Heidi-Trollspecht
Hallo Sarah-Maria,
AntwortenLöscheneinen schönen Blog hast Du! Das Foto von der Rose ist ja klasse!
Danke für Deinen Kommentar zu den Ringen :-).
LG
Wolke
ich kannte sie auch gar nicht, aber holla, was hätte ich gerne in den zwanziger jahren gelebt...
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