Dienstag, 29. November 2011

die erste eisdiele

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Der Alsterpavillion am Hamburger Jungfernstieg kann bereits auf über 200 Jahre Geschichte zurückblicken: denn schon 1799 wurde dort von Vicomte Augustin Lancelot de Quatre Barbes die allererste Eisdiele Deutschlands eröffnet. Die exotische Köstlichkeit sprach sich damals rasend-schnell herum und schon bald wurde das Café zu einer der bestbesuchtesten Hamburger Adressen.

Neben allerhand Köstlichkeiten durfte ein wenig Musik natürlich nicht fehlen: so dass stets eine mehrköpfige Kapelle für die Unterhaltung der Gäste sorgte. Ab 1840 war in jener z.B. der Vater von Johannes Brahms Kontrabassist. Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte sich zunehmend auch Jazz- und Swingmusik. Daher war der Alsterpavillion schon vor 1933 den Nazis ein Dorn im Auge und wurde als „Judenaquarium“ verschrien. Dennoch fanden dort noch lange Zeit nach der Machtergreifung, die von offizieller Seite geächteten und später verbotenen, Swing-Konzerte statt.

Im Laufe der Zeit wurde der Alsterpavillion mehrfach umgebaut, vergrößert oder aber gleich ganz abgerissen und wieder neu aufgebaut. 1914 stand am Jungfernstieg bereits die fünfte Variante, die während der Bombenangriffen auf Hamburg im Jahre 1943 zerstört wurde. Anfang der 50iger Jahre wurde der heutige Alsterpavillion nach den Entwürfen von Ferdinand Streb neu errichtet.

Quellen:
Strothmann, D.: Alsterpavillon - dank der Revolution. In: Hamburger Abendblatt, (21.04.2007).
Sack, M.: Alster, freudlos. In: Die Zeit, (04.03.1994).

Sonntag, 27. November 2011

das nelson theater

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In der Berliner Fasanenstraße 74 hatte ab 1919 das „Nelson Theater“ seinen Standort und trumpfte mit Revue-Theater vom Allerfeinsten auf. Dort gaben sich Stars, wie Willy Prager, Gussy Holl, Claire Waldoff oder Nelsons spätere Frau Käte Erlholz die Klinke in die Hand. Und auch Josephine Baker stand dort einmal auf der Bühne.

Inhaber und Gründer des Theaters war Rudolf Nelson (eigentlich Lewysohn), der in seiner Laufbahn mehr als 6000 Unterhaltungsmelodien komponiert hat - u.a. auch für das überaus berühmte Metropol-Theater (der heutiger Sitz der Komischen Oper Berlin). Die Texte zu seiner Musik ließ er oftmals von prominenten Autoren, wie Kurt Tucholsky, Friedrich Hollaender oder Marcellus Schiffer verfassen.

Mit der Machtergreifung der Nazis floh Nelson aus Deutschland ins Exil. Zunächst versuchte er in Österreich und der Schweiz sein Theater neu aufzubauen, ging aber schließlich nach Amsterdam. Dort konnte er in seinem kleinen Theater „La Gaîté“ mit der Revue „Man lebt nur einmal" einen kurzen Erfolg landen. Doch nach dem kurz darauf folgenden Einmarsch der Wehrmacht wurde auch dieses Theater verboten und Nelson musste sich bis zum Ende der NS-Herrschaft in dem Unterschlupf einer niederländischen Widerstandsbewegung vor den Nazis und der drohenden Deportation verstecken. Bereits 1949 kehrte er aber mit seiner letzten Revue „Berlin Weh Weh“ in das vom Krieg völlig zerstörte Berlin zurück.

Die österreichische Sängerin Fritzi Massary schrieb über Neslons-Revuen übrigens: „Nelson-Schlager ist ein Chanson. Gesanghaft, leicht beschwingt, von befreiendem Charme. Er schlägt das Düstere, Traurige zu Scherben und lässt in uns eine entzückende Melodie. Ein Ineinander von Heiterem, Zärtlichem, Rhythmischen und feiner Parodie."

Quellen:
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Deutsches Kabarettarchiv: Rudolf Nelson. http://www.kabarettarchiv.de/KabaPDF/Nelson.pdf (abgerufen am 31. Mai 2011).

Freitag, 25. November 2011

krieg dem kriege

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Mit prominenter Unterstützung u.a. von der Künstlerin Käthe Kollwitz eröffnete 1925 der überzeugte Pazifist Ernst Friedrich in der Parochialstraße 29 (Berlin) eine Ausstellung mit dem Titel „Krieg dem Kriege“.

In dem Museum wurden schonungslos Bilder von der Front, Massengräbern und verstümmelten Soldaten, aber auch kriegsverherrlichendes Spielzeug, bedruckte Tassen, Lieder, Gedichte und Bücher ausgestellt. Ziel war es den Menschen die idealisierte Illusion der Schlachtfelder zu nehmen.

Das Museum hatte es von Beginn an nicht leicht: bereits vor der NS-Machtergreifung hatte Ernst Friedrich unter den Nazis zu leiden. Dabei spielte ihnen in die Karten, dass er kein unbeschriebenes Blatt war, denn Friedrich saß im Ersten Weltkrieg diverse Gefängnisstrafen ab, die er in der Hauptsache aufgrund seines absolut konsequenten Pazifismus absitzen musste. 1933, nach der Machtergreifung der Nazis, wurde das Museum von der SA komplett verwüstet und anschließend von ihnen als Sturmlokal und Folterkammer genutzt. Ernst Friedrich ging ins Brüssler Exil. Dort baute er sein Museum neu auf - bis auch dort die deutschen Truppen 1940 einmarschierten und er es ebenfalls aufgeben musste. Nach dem Krieg gründete er in Paris ein Zentrum für Frieden und Völkerverständigung.

Seit 1982 gibt es in Berlin übrigens wieder ein Anti-Kriegs-Museum. Es befindet sich in der Brüsseler Straße 21.

Quellen:
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.

Donnerstag, 24. November 2011

bubikopf

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„Schneid‘ dir ab den alten Zopf – schneid‘ dir einen Bubikopf“, hieß es in einem Werbeslogan der Zwanziger Jahre. Denn was die englische Tänzerin Irene Castle 1915 vormachte, wurde bald vom verruchten Skandal zum modischen Must-Have. Auch die Pariser Modeikone Coco Chanel erkannte schnell die modische Sprengkraft der Kurzhaarfrisur und machte sie salonfähig. Heinrich Mann schrieb: „Kurze Haare durften nicht ausbleiben, nachdem die Figur der Dame knabenhaft geworden war. Hievon abgesehen läßt es sich damit besser sowohl tanzen und Sport treiben wie auch in Fabriken arbeiten.“ Und bermerkte abschließend: „Den Männern gefällt die kurze Haartracht, aber sie sind nicht gefragt worden.“

Quellen:
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.


Bild:
Christian Schad: Sonja. 1928. Öl auf Leinwand. In: Neue Nationalgallerie Berlin.

Mittwoch, 23. November 2011

das konfektionsviertel

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Der Hausvoigtplatz war einst DER Dreh- und Angelpunkt in Sachen Mode. Und dies bei weitem nicht nur in Berlin - sondern international. Denn während auf dem Kurfürstendamm und Unter den Linden hauptsächlich maßgeschneiderte Ware angeboten wurde, konnte man dort Mode von der Stange zu erschwinglichen Preisen kaufen: die Konfektionsware. Der Markt boomte und die Berliner Mode für Jedermann wurde zum weltweiten Exportschlager.

Der Erste Weltkrieg und die sich anschließenden eingeschränkten Exportmöglichkeiten für Deutschland brachten zwar einen kleinen Knick im Erfolg des Modeviertels mit sich, dennoch verdienten 1925 rund 150.000 Menschen in der Berliner Textilbranche ihr Geld. 1927 gab es etwa 750 kleinere und größere Betriebe rund um den Hausvoigtplatz und das Konfektionsviertel war fast 100 Jahre lang die unangefochtene No.1 in der deutschen Modeindustrie: neun von zehn deutschen Mänteln, Kleidern, Kostümen, Röcken oder Blusen kamen von dort.

An der Ecke zur Oberwallstraße steht noch heute ein Haus mit Säulenportal. Dort befand sich einst das Modehaus Valentin Mannheimer und nahm fast den ganzen Block ein. Der Magdeburger Unternehmer war sozusagen der Gründervater der Konfektionsware. Er begann schon 1837 damit Damenmäntel von der Stange zu verkaufen und beschäftigte Ende des 19. Jahrhunderts ca. 8000 Menschen in seinem Betrieb. Das Unternehmen überstand die Weltwirtschaftskrise von 1929 allerdings nicht und musste schließlich liquidiert werden. Doch auch das 1930 erbaute Konfektionshaus Lewin (Hausvoigtplatz 1) oder das Kaufhaus „Zur Berolina“ (Nr. 12 – mit der Uhr an der Fassade) erzählen noch von dieser Zeit. Letzteres wurde außerdem nach dem Krieg von der DDR als Sitz der Großhandelstextilgesellschaft genutzt.

Mit der Machtergreifung der Nazis ging diese hundertjährige Mode-Ära jedoch ihrem jähen Ende entgegen, denn viele der Kaufhäuser gehörten jüdischen Unternehmern. Sie wurden enteignet, ins Exil gedrängt, verschleppt oder ermordet.

Quellen:
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Magnet für Modemacher. In: Spiegel, (1/1993). S. 132-136.
Edition Luisenstadt: Konfektionsviertel. http://www.luise-berlin.de/lexikon/mitte/k/konfektionsviertel.htm (abgerufen am 31. Mai 2011).

Dienstag, 22. November 2011

vicki baums hotel

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In unmittelbarer Nähe zum Berliner Anhalter Bahnhof stand bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges das berühmte Nobelhotel „Excelsior“. Es gilt als Vorlage zu Vicki Baums Roman "Menschen im Hotel". In den 20iger Jahren war es mit 600 Zimmern, 750 Betten, einem Wellness-Bereich mit eleganten Glasmosaiken und Palmen, einer täglich erscheinenden Hotelzeitung, Konferenzräume für bis zu 150 Personen und 5000 Sitzgelegenheiten in unterschiedlichen hoteleigenen Restaurants, Bars und Cafés das größte in Berlin und sogar in ganz Europa. Es besaß ein eigenes Kraft- und Wasserwerk und die Heizungen sowie Küchen wurden als eine der ersten Berlins von Kohle auf Gas- bzw. elektrischen Betrieb umgestellt.

In einem Werbeprospekt hieß es: „In jedem Zimmer fließendes Warm- und Kaltwasser, sowie Haus- und Staatstelefon, Freundlichkeit und Sauberkeit, ungestörte Ruhe. Man fühlt sich wohl, bleibt und kommt wieder! Eigene Dampfwäscherei, verbunden mit Fein-Plätterei und Schneiderei, Schlächterei, Bäckerei, Druckerei, Wasserwerk, Lichtanlage, Bibliothek in mehreren Sprachen – 5000 Bände – und Radio. Wundervolle Speise-, Lese- und Musikräume, ganz neu ausgestaltet und ausgestattet, in vornehm-künstlerischem Geschmack.“

Eine weitere Attraktion des Hotels war ein Tunnel, welcher das Hotel direkt mit dem Anhalter Bahnhof (damals einer der größten und wichtigsten Bahnhöfe von ganz Europa) verband. So konnten die Hotelgäste den Gang über die stark befahrene (damals) Königgrätzer Straße vermeiden. Das Projekt wurde vom damaligen Eigentümer Curt Elscher aus eigener Tasche finanziert und kostete ihn summa summarum fast eine Millionen Reichsmark. Zudem entstanden zusätzliche jährliche Abschläge an die Reichsbahn und die Stadt.

Der Bau des Tunnels war eine knifflige Angelegenheit, denn er durfte den Straßenverkehr nicht beeinträchtigen. Somit mussten die Bauarbeiten in der Nacht stattfinden. Es wurde stets in kleinen Schritten gearbeitet und die abgetragenen Straßenabschnitte jeden Morgen mit einem Provisorium ausgestattet, so dass der Verkehr ungehindert rollen konnte.

Bis auf die Publicity hat sich der Tunnel aber nicht wirklich rentiert: 1934 passierten ihn laut einer Zählung der Reichsbahn am 5. Juli 82 Personen, am 6. Juli 130 und am 7. Juli 129. Anzumerken ist außerdem, dass der Tunnel nicht nur den Hotelgästen offen stand, sondern von jedem genutzt werden konnte.

Neben dem Tunnel-Bau kann das Hotel aber selbstverständlich auch einige andere historische Ereignisse vorweisen: am 11. November 1918 wurde hier der Spartakusbund gegründet und schon vor der Machtergreifung der Nazis hatte es das Hotel nicht leicht, denn Elschner hegte eine offene Abneigung gegen Hitler. Er schmiss ihn 1930 sogar aus seinem Hotel. Kein Wunder also, dass sich der Boxer Max Schmeling das Excelsior aussuchte, um während der „Pogromnacht" seine Freunde Henry und Werner Lewin zu verstecken - denen er später auch zur Ausreise verhalf.

Doch dies sollte Elschner noch schwer zu schaffen machen: 1938 musste er sich der Zensur beugen und seine umfassende Bibliothek wurde von den Nazis „gesäubert“. Ebenso musste er mit seiner Jazz-Band verfahren. Dem einstigen freizügigen Umgang mit dem das Hotel Bahn-, Schiff- und sogar Flugtickets in alle Welt verkaufte, wurde ein Riegel vorgesetzt. Die Deutsche Bank pochte nun auf schnelle Abzahlung aller laufenden Kredite und brachte das Hotel damit in Schwierigkeiten. 1939 musste sich Elschner aus seinem Hotel zurückziehen. Die genauen Umstände sind ungeklärt: es gab jedoch zuvor einen langwierigen Briefwechsel mit der NS-Regierung, in dem es um den einstigen Rauswurfs Hitlers ging und ihm (damals unter Strafe stehende) Freimaurerei vorgeworfen wurde. Anfang der 50iger Jahre wurde das nach dem Krieg stark beschädigte Gebäude abgerissen.

Quellen:
Potsdamer-Platz.org: Hotel Excelsior Berlin. http://www.potsdamer-platz.org/excelsior.htm (abgerufen am 28. Mai 2011).
Arnold, K.-H.: Verbrannte Pracht am Anhalter Bahnhof. http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt99/9905proe.htm (abgerufen am 28. Mai 2011).
Kellerhoff, S.: Ortstermin Mitte – Auf Spurensuche in Berlins Innenstadt. 1928-1939: Kein Zimmer frei für Adolf Hitler. Berlin: Berlin Story Verlag, 2007.

Montag, 21. November 2011

das wintergarten-varieté

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In der Friedrichstraße/ Dorotheenstraße (Berlin) stand von 1880 bis 1944 das überaus berühmte Central-Hotel. Es war mit etwa 500 Zimmern eines der größten und wichtigsten Nobelhotels in Berlin. Zudem beherbergte es das berühmte Wintergarten-Varieté: auf über 1700 Quadratmetern bescherte man den Gästen Palmen, Lorbeerbäumchen, Schlingpflanzen, Grotten, Wasserfontänen und natürlich diverse Bars sowie eine riesige Bühne. Eine 18 Meter hohen Glaskuppel, die später einem künstlichen Sternhimmel aus hunderten von Glühbirnen wich, setzte dem Ganzen im wahrsten Sinne des Wortes die Krone auf.

Am 1. November 1895 fand dort die erste öffentliche kommerzielle Filmvorführung überhaupt statt. Die Brüder Max und Emil Skladanowsky zeigten die bewegten Bilder mittels ihres selbst entworfenen Bioscop. Auch der erste „Dummen August“ und die erste Berliner Drehbühne kann das Wintergarten-Varieté für sich verbuchen. „La Paloma“ wurde dort zum Gassenhauer. Stars wie Josephine Baker oder der Wunderjongleur Enrico Rastelli gaben sich die Klinke in die Hand. Und Miss Saharet schmiss allabendlich ihr Bein so hoch, dass sie sich ins Strumpfband beißen konnte (ihr stadtbekannter „Highkick").

Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 und den einhergehenden Auftrittsverboten war es schnell vorbei mit dem weltoffenen Varieté. Es wurde zunehmend bedeutungsloser und schließlich 1944 bei einem Luftangriff zerstört.

Quellen:
Als die Glühbirnen den Sternenhimmel aussperrten. In: Berliner Zeitung, (14.6.1997).

Sonntag, 20. November 2011

die sünderin

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Im ehemaligen Turmpalast-Kino (Frankfurt a.M.) hatte am 18. Januar 1951 der Film „Die Sünderin“ Premiere. In dem Streifen war Hildegard Knef nackt zu sehen und als wenn das nicht schon genug wäre endete der Film auch noch mit dem Freitod der Titelheldin. Damals Grund genug, dass sich Scharen von Christen (aller Strömungen), Vertreter der konservativen Parteien und andere selbsternannte Retter der Moral auf die Straße bemühten. Es gab Boykott-Aufrufe seitens der Katholiken, in Regensburg verbot der CSU-Oberbürgermeister den Streifen und ließ Kinobesucher von der Polizei recht unsanft aus den Kinos drängen bzw. prügeln, Priester probten den bewaffneten Aufstand mit Stinkbomben und in Köln erließ Kardinal Frings gar einen Hirtenbrief gegen den Film. Doch das machte den Film natürlich erst recht zum Kassenschlager und er wurde zu einem der meistgesehenen Filme der deutschen Nachkriegszeit.

Tja, und wer sich den Film heute anschauen möchte, muss dafür nicht einmal mehr die Ab-18-Abteilung der Videothek aufsuchen - denn er ist ab 12 freigegeben. Die Zeiten ändern sich eben....

Quellen:
Kothenschulte, D.: Priester warfen Stinkbomben. In: Frakfurter Rundschau, (17.1.2011).

Samstag, 19. November 2011

bertolt brecht in berlin

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Brecht machte sich in Berlin zunächst als Schreiberling u.a. in dem Ullstein-Verlag und durch Gedichtbände einen Namen. Doch schon früh versuchte er in der Berliner Theaterwelt Fuß zu fassen. 1922 betrat er im Kabarett „Wilde Bühne“ (Kantstraße 12) zum ersten Mal eine Berliner Bühne und unter Max Reinhardt hospitierte er bereits 1921 am Deutschen Theater. 1928 schaffte er zusammen mit Kurt Weill und ihrer Dreigroschenoper den Durchbruch. Fast ein ganzes Jahr lang lief das Stück im Theater am Schifferbauerdamm (heute Berliner Ensemble): „Die Zeit war reif für den gallenbitteren Zynismus, die Brutalität, den harten Knockout der Songs von Brecht und Weill. Jeder etwas zeitgemäße jüngere Mann trug diese Brutalität im Knopfloch als den Slogan des Tages“, schrieb der Publizist Willy Haas über den Kassenschlager. Es folgten weitere Aufführungen über Berlins Grenzen hinaus und eine Verfilmung stand ebenfalls an. Diese war jedoch ganz und gar nicht nach Brechts Geschmack: er zeterte und protestierte, doch es half alles nix, das Unternehmen hatte nunmal die Rechte an dem Stück erworben und machte es folglich nach ihrem eigenen Gusto.

Vor dem Zweiten Weltkrieg haben Berthold Brecht und Helene Weigel zunächst in der Spichernstraße, dann in der Hardenbergstraße 1a und ab Oktober 1932 in der Leibnizstraße 108 gewohnt. Mussten allerdings bei Unterschreibung des Mietvertrages versichern, dass sie keinerlei politisches Material an dem Haus oder dessen Fenster anbringen, denn die politische Stimmung war in Berlin aufgeheizt und man hatte Angst den Hausfrieden zu gefährden. Dort lebte das Paar jedoch nur einige Monate, denn direkt nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar und der darauf folgenden Machtergreifung der Nazis verließen die beiden Deutschland in Richtung Prag. Brecht und Weigel waren den Nazis schon lange ein Dorn im Auge und sie hatten Angst vor einer Verhaftung – vermutlich zu Recht.

Drei Jahre nach dem Krieg, 1948, ging Brecht wieder zurück nach Berlin und zu „seinem“ Theater am Schifferbauer Damm. Angesichts der völlig zerstörten Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg äußerte Brecht sich, nicht ohne bitteren Sarkasmus, in seinem Tagebuch zu der sich in seiner Biographie wichtigsten Stadt wie folgt: „Berlin, eine Radierung Churchills nach einer Idee Hitlers. Berlin, der Schutthaufen bei Potsdam.“

Quelle:
Bienert, M., Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006

Freitag, 18. November 2011

romanisches café/ café des westens

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In der Tauentzienstr. 9-11 (Berlin) war einst das Romanische Café - welches zunächst die Konditorei des Hotels Kaiserhof beherbergte und schließlich als Kaffeehaus zum Dreh- und Angelpunkt der Berliner Künstlerszene im beginnenden 20. Jahrhundert avancierte. Die Liste der Stammgäste ist lang: Bertolt Brecht, Otto Dix, Alfred Döblin, Erich Kästner, Max Liebermann, Erich Maria Remarque oder Stefan Zweig haben sich dort des Öfteren blicken lassen. Doch in der Zeit des Nationalsozialismus blieb das Lokal mehr und mehr leer: viele Künstler gingen ins Exil oder wurden von den Nazis verhaftet und ermordet. Im II. Weltkrieg wurde das Gebäude zerstört. Das Grundstück wurde 1963 mit dem Europa-Center neu bebaut.

Übrigens: zuvor trafen sich die Intelektuellen Berlins im nahegelegenen Café des Westens (Kurfürstendamm 18/19), welches nicht nur von der Bevölkerung (spöttisch) „Café Größenwahn“ genannt wurde, sondern auch von den Gästen selbst. Dort etablierte sich auch bald die Unterscheidung Schwimmer- und Nichtschwimmerbassin: wer schon einen Namen in der Künstlerszene hatte, saß an den Tischen des Schwimmerbassin, die anderen mussten sich mit dem Nichtschwimmerbereich zufrieden geben. Diese Tradition zog schließlich auch mit ins Romanische Café um.

Kurz vor dem ersten Weltkrieg fand sich das Café Größenwahn gehäuft mit negativen Schlagzeilen in der konservativen Presse wieder und der Besitzer stand zunehmend unter Druck - was vermutlich einer der Gründe war, warum er das Café mit der Eröffnung eines nahegelegenen Neubaus aufgab und dort ein neues Café des Westens eröffnete.

Quellen:
Bienert, M., Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006

Donnerstag, 17. November 2011

jeanne mammen - die einzige delikatesse

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„Die zarten duftigen Aquarelle, die Sie in Magazinen und Witzblättern veröffentlichen, überragen das undisziplinierte Geschmier der meisten Ihrer Zunftkollegen derart, daß man Ihnen eine kleine Liebeserklärung schuldig ist. Ihre Figuren fassen sich sauber an, sie sind anmutig und herb dabei, und sie springen mit Haut und Haaren aus dem Papier. In dem Delikatessenladen, den uns Ihre Brotherren wöchentlich oder monatlich aufsperren, sind Sie so ziemlich die einzige Delikatesse“, schrieb Kurt Tucholsky 1929 in der „Weltenbühne“ über die Künstlerin Jeanne Mammen.

Jeanne Mammen, wurde 1890 in Berlin geboren, wuchs aber in Paris auf. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste die Familie zurück nach Deutschland ziehen. Dabei verloren sie ihr gesamtes Vermögen und Jeanne fand sich völlig mittellos in Berlin wieder. Zusammen mit ihrer Schwester bezog sie 1919 ein Atelier im Hinterhof des Kurfürstendamms 29 – ohne Küche und mit Toilette auf dem Gang.

Jeanne hatte Kunst in Paris und Brüssel studiert und versuchte nun mit ihren Illustrationen Anerkennung in den zahlreichen Berliner Zeitschriftenverlagen zu bekommen. Mit einigem Erfolg: sie wurde in Blättern wie „Die schöne Frau“, „UHU“, „Ulk“ oder „Simplicissimus“ gedruckt. Und im 1931 erschienenen „Führer durch das lasterhafte Berlin“ konnte sie einige ihrer Darstellungen des Berliner Nachtlebens abdrucken.

Mit enormer Einfühlungsgabe und scharfen Blick schuf sie unverwechselbare und punktgenaue Milieustudien. Immer wieder haben es ihr die Frauen der Weimarer Republik angetan. Sie malte die weltstädtischen Modepuppen Berlins ebenso, wie die Revuegirls der Hinterzimmer-Varietés. Ließ sich im „Industriegebiet der Intelligenz“ (Erich Mühsam) rund um den Kurfürstendamm ebenso blicken, wie in den Arbeiterkneipen im Wedding oder den abegranzten Wirtshäusern rund um den Alexanderplatz.

Mit der Machtergreifung der Nazis wurde sie nicht mehr ausgestellt. 1933 arbeitete sie gerade an einer Serie von Lithographien. Eine Art Hommage an die lesbische Liebe mit dem Namen „Les Chansons de Bilitis“, doch außer ein paar Probedrucken ist davon nichts erhalten. Denn das Unternehmen wurde von den Nazis rigoros gestoppt. Jeanne zog sich in die innere Emigration zurück. Ihre Arbeiten wurden zunehmend abstrakter und orientierten sich an Picasso. Zudem entstanden in dieser Zeit auch einige Plastiken. 1945 gehörte sie zu den Künstlern der Stunde null. Bereits kurz nach Kriegsende stellte sie ihre Bilder zusammen mit anderen Künstlern in der Kamillenstraße (Berlin-Steglitz) aus.

1947 schrieb sie an Max Delbrück in die USA: „Ich modelliere wegen der häufigen Stromunterbrechungen bei Kerzenlicht.“ Sie verarbeitete an Materialien was es eben nur gab: z.B. Drähte, die die russische Armee in den Trümmern vor ihrem Haus liegengelassen hatte oder auch eine weiße Schnur von einem Care-Packet, welches sie von Max Delbrück aus den USA bekommen hatte.

Bis ins hohe Alter hielt Jeanne Mammen den Pinsel fest in der Hand und illustrierte beispielsweise den Besuch des persischen Schahs 1967 in Berlin (während einer Demonstrationen gegen den Besuch wurde der Student Benno Ohnesorg von einer Polizeikugel tödlich verletzt). Über ihr letztes Bild „Verheißung eines Winters“, welches sie als einziges ihrer Bilder signierte und datierte, sagte sie 1975 in einem Interview mit der FAZ: „Jetzt habe ich eine übertriebene Vorliebe für Weiß, nachdem ich mich darauf besonnen habe, alle Bilder in Weiß zu malen. In hunderttausend Jahren werden sie alle golden geworden sein.“

Ihre Werke sind heute u.a. in der Berlinischen Galerie, der Kunstbibliothek Berlin und der Nationalgalerie ausgestellt – und eben auch in ihrem Wohn-Atelier, welches man (auf Nachfrage) besichtigen kann.

Quellen:
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Förderverein Jeanne-Mammen-Stiftung e.V.: Die Künstlerin Jeanne Mammen (1890 – 1976). http://www.jeanne-mammen.de/html/deutsch/inhalte/kuenstlerin.html (zuletzt abgerufen am 21. Juni 2011).

Dienstag, 15. November 2011

das tingel-tangel theater

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Das Untergeschoss des Theaters des Westens beherbergte einst ein berühmt berüchtigtes Kabarett: 1921 wurde hier „Die Wilde Bühne“ von Trude Hesterberg gegründet und schließlich zehn Jahre später von Friedrich Hollaender als „Tingel-Tangel-Theater“ wiederbelebt.

Und auch wenn das Publikum durchaus diverse Künstler-Prominenz gewöhnt war, war die Begeisterung frenetisch, als bei Hollaenders Eröffnungspremiere niemand geringeres als die gerade aus den USA zurückgekommene Marlene Dietrich im Publikum saß. Sie konnte vermutlich gar nicht so schnell gucken, wie sie vom Zuschauerraum auf die Bühne befördert wurde und singen „musste“.

Nur einige Jahre später, 1933, sahen sich Friedrich Hollaender und seine Ensemblemitglieder Curt Bois sowie Trude Berliner gezwungen Deutschland zu verlassen. Curt Bois und Trude Berliner versuchten in Hollywood ihr Glück und konnten sogar jeweils eine Rolle in dem Filmklassiker Casablanca ergattern. Das Tingel-Tangel-Theater hingegen wurde zunächst von einigen verbliebenen Ensemblemitgliedern weiterbetrieben, doch 1935 wurden jene aufgrund politischer Äußerungen verhaftet und in das KZ-Esterwegen verschleppt. Unter ihnen waren Günther Lüders, Walter Gross und Walter Liek - der an den Folgen der Inhaftierung starb. Das bedeutete gleichzeitig das Aus für das Tingel-Tangel Theater. Noch im selben Jahr wurde die Bühne Teil des NS-Programms „Kraft durch Freude".

Quellen:
Bienert, M., Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Böhling, D.: Radio Bremen. 7. Januar 1931: Tingel-Tangel-Theater. http://www.radiobremen.de/bremeneins/serien/as_time_goes_by/audio49114-popup.html (abgerufen am 24. Mai 2011)

Montag, 14. November 2011

böcklins toteninsel

©Sarah-Maria
Der russische Komponist Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow komponierte 1909, inspiriert durch Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“, eine gleichnamige sinfonische Dichtung. Rachmaninow hatte das Bild zum Zeitpunkt seiner Komposition nur als Schwarz-Weiß-Druck in Paris gesehen. Als er es später im Original sah, schrieb er: „Ich war von der Farbe des Gemäldes nicht besonders bewegt. Hätte ich das Original zuerst gesehen, hätte ich "Die Toteninsel" womöglich nicht geschrieben.“

Von den fünf Versionen des Bildes, sind weltweit vier ausgestellt. Eines davon hängt in der Alten Nationalgalerie Berlin (siehe Foto).

Quellen:
Grünewald, H.: Drei Facetten russischer Musik des 20. Jahrhunderts. http://www.berliner-philharmoniker.de/forum/programmhefte/details/heft/drei-facetten-russischer-musik-des-20-jahrhunderts/ (zuletzt abgerufen am 30. Juni 2011)
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