Montag, 23. Januar 2012

anna andersons zarenreich

©Sarah-Maria
Ab 1920 hielt Anna Anderson (wie sie sich selbst nannte) die Boulevardpresse auf Trab. Denn ein misslungener Selbstmord im Berliner Landwehrkanal ist schließlich immer ein gefundenes Fressen. Als dann die Lebensmüde auch noch behauptete sie sei Prinzessin Anastasia, die jüngste Tochter von Zar Nikolaus II., gab's bei den Klatschblättern freilich kein Halten mehr.

Schließlich gab es in Punkto Romanow-Massaker schon immer einige Ungereimtheiten, die ein wenig Zündstoff gebrauchen konnten: als die Bolschewiki in der Nacht zum 17. Juli 1918 die komplette Zarenfamilie auslöschten, gingen sie zwar recht gründlich vor und halfen mitunter auch mit Bajonetten nach, als die Kugeln an den juwelenbesetzten Kleidern der Zarentöchter abprallten. Dennoch konnte lange Zeit nicht eindeutig der Tod von Prinzessin Maria und Prinz Alexej geklärt werden. Und auch von Prinzessin Anastasia vermutete man, dass sie das Massaker überlebt haben könnte.

Nach ihrem Tötungsversuch kam Anna Anderson mit ungeklärter Identität zunächst ins Berliner Elisabeth-Krankenhaus, von dort in eine Nervenklinik und fand schließlich Unterschlupf bei russischen Einwanderern. Dort behauptete Frau Anderson erstmals sie sei die letzte Erbin des Zarenreiches und sorgte damit für das nötige Öl im Feuer. Presse, Justiz und Wissenschaft nahmen sich dem Fall an und neben den offensichtlichen Vergleichen auf Fotos, wurden auch ihre Ohren vermessen. Ein damals gängiges Verfahren, um eine Identität festzustellen, da sich die Anatomie der Ohren im Laufe des Lebens nicht verändert. Und tatsächlich: in 17 Punkten stimmten die Ohren mit denen der Prinzessin überein.

Seltsam jedoch erschien es dem einen oder anderen, dass sie sich niemals dazu hinreißen ließ Russisch zu sprechen – egal wie sehr man sie um diesen Beweis bat. „Nie würde sie um eines äußeren Vorteils willen in einer Sache nachgeben. Deshalb ist es auch so schwierig, sie von der Notwendigkeit, selbst den Beweis zu geben, daß sie Russisch spräche, zu überzeugen. Denn es geht so gegen ihren Stolz, daß sie immer wieder ,beweisen' soll, wer sie ist. Wer wäre dessen nicht auch überdrüssig nach 40 Jahren Kampfes um seine Anerkennung", verteidigte Frau Lamartine, eine Pflegerein der stets kränkelnden Anna Anderson, ihren Schützling.

Während die Einen den Kopf über solch hanebüchenen Behauptungen schüttelten und die Anderen ihrer Geschichte Glauben schenkten, sammelten sich bis zum Jahre 1962 sieben Meter Akten an und Anna Anderson engagierten in diesem Jahr einen neuen Anwalt – zwei von ihnen sowie diverse Richter hatte sie bereits über den jahrzehntelangen Prozess hinweg überlebt. Ende Februar 1967 entschied das Oberlandesgericht Hamburg erneut, dass Anna Anderson nicht die Erbin des Zarenreiches sei: es fehle an nötigen Beweisen.

Über die Jahre waren an verschieden Gerichten schon die unterschiedlichsten Zegen verhört worden: es wurden Fürsten, Mediziner, KP-Funktionäre, Putzfrauen, Anthropologen, Graphologen und Hofdamen verhört und der Tänzer Serge Lifar beteuerte, dass er von Mussolini gehört habe, dass die Frau wirklich Anastasia sei. Gilliard, der französische Hauslehrer der Zarenkinder, bestätigte, dass Anastasia schon immer Probleme mit Grammatik gehabt habe und daher sprach, wie es ihr gefiel (einige sahen dies als Indiz dafür, dass sie ebenso Probleme mit ihrer Muttersprach hatte und sie nicht sprach, um sie nicht zu verunglimpfen). Die Berlinerin Rosa Wingender beteurte wiederrum in der Klägerin ihre einstige Untermieterin Franziska Schanzkowsky aus der Neuen Hochstraße erkannt zu haben.

Als unumstößlicher Beweis für ihre Zarenherkunft, da Insiderwissen, berichtete Anna Anderson dem Gericht von einer geheimen Reise ihres vermeintlichen Großonkels Ernst Ludwig von Hessen, der im Auftrag des deutschen Kaisers 1916 ins Zarenschloss Zarskoje Selo bei Petersburg reiste, um Friedensvorschläge zu überbringen. Die bis dahin nicht bekannte geschichtliche Begebenheit, nahm sich der als Sachverständige geladene Hamburger Historiker Professor Zechlin an – und kam zu dem Ergebnis, dass Frau Andersons Behauptung frei erfunden sei. Aufgrund von Dokumenten, Briefen, Notizen und alles was die Archive sonst noch hergaben, sei diese Reise ein Hirngespinst der berühmten Vielleicht-Zarentochter. Selbstverständlich meldeten sich daraufhin diverse Zeugen, die ebenfalls von dieser Reise gewusst haben wollten. Und ein Bundestagsabgeordneter ließ sich sogar dazu hinreisen die Klägerin mit „Hohe Frau“ anzusprechen.

Anna Anderson war DER Medienstar schlechthin. Einiges sprach dafür, vieles dagegen, dass sie die Wahrheit sagte. Bis zu ihrem Tod, am 12. Februar 1984 in den USA, kämpfte sie vor Presse und Gericht um „ihr“ Erbe. Doch dank Computer und DNA-Analyse ist heute eindeutig geklärt, dass Anna Anderson in Wahrheit Franziska Schanzkowski war – eine polnische Fabrikarbeiterin, die von zu Hause abgehauen ist, um nach Berlin zu gehen. Der Schädel von Prinzessin Anastasia wurde mittlerweile auch gefunden und beweist, dass sie in der Nacht des Massakers starb.

Doch bei einem Fall wie diesem, der fast ein Jahrhundert die Gemüter bewegte, ist es mit einer schnöden DNA-Analyse selbstverständlich nicht getan. Wenn die Boulevardpresse ihren Dienst erbracht hat, kommen die Verschwörungstheoretiker mit neue „Erkenntnissen“: die DNA-Proben seien absichtlich vertauscht worden und auch Zeitzeugen nicht ausreichend verhört worden. Und sowieso: um das Mächteverhältnis der Welt nicht zu stören - welches angeblich ins Wanken gekommen wäre, wenn sich herausgestellt hätte, dass die Dame nun doch die Erbin des Zarenreiches sei, hätte man so einiges unternommen. Der Fantasie sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt....


P.S.: Ich hab die Gute mal in die Kategorie "Künstler" einsortiert. ;)

Quellen:
ZDF: Sphinx: Die Akte Romanow - Spuren und Beweise. Sendung vom 09.09.2004 http://terra-x.zdf.de/ZDFde/inhalt/30/0,1872,2010238,00.html?dr=1 (abgerufen am 23. Juni 2011).
Mauz, G.: Eine Rettung, die Mütterchen Russland gelang? In: Spiegel, (11/1967). S. 123-129.
Gestorben - Anna Anderson. In: Spiegel, (8/1984). S. 220.
Anastasia sein oder nicht sein... In: Die Zeit, 10.4.1958, Nr. 15.

Kommentare:

  1. Hallo Sarah-Maria, ich hab deinen Artikel mit großem Interesse gelesen. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, damals wurde viel über diese Fall geschrieben. Dass man den Schädel von Anastasia gefunden hat, wusste ich bisher nicht. Ich freu mich schon auf deine kommenden Berichte.
    Schönen Abend und liebe Grüße von Zaunwinde

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    1. Ich habe das "leider" nicht live mitbekommen. Ich war 1 1/2 Jahre alt, als sie gestorben ist.... Daher kann ich das nur aus der heutigen Perspektive betrachten - und da erscheint es mir völlig verrückt, dass die so lange ihre Lügen aufrecht halten konnte.

      Aber im Nachhinein ist man schließlich immer klüger. Es gibt vermutlich auch diverse heutige Ereignisse, über die man in ein paar Jahren nur noch schmunzeld den Kopf schüttelt. ;)

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  2. ja - ich erinnere mich auch dass ich davon gelesen hatte. Du hast die Geschichte wieder lebendig geschildert.
    Das Foto gefällt mir übrigens auch sehr gut :-)

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  3. Ich sehe auch Verbindungen mit dem Fall Kaspar Hauser, wobei die DNA auch die Lösung war ... sehr interessant. LG Senna

    PS: Ich denke das pop up Fenster für Kommentare ist die Lösung ... da war es nie ein Problem zu schreiben.

    LG Senna

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  4. Ein sehr gutes Posting. Ich lernte viel in diesem Blog. Die Kunst nein zu sagen. Ich stimme dem zu was du sagtest. Niemand anders wird deine Ziele festlegen, du musst es tun, wir sind für uns selbst verantwortlich. Es ist gut, ich liebe dieses Posting.

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  5. Hallo,

    hab mich über deinen Besuch auf meinem Blog gefreut und jetzt schau ich mich bei dir ein wenig um.

    LG Alexandra

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  6. Hallo Alexandra, herzlich willkommen und viel Spaß beim Stöbern! :)

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