Montag, 16. Januar 2012

aufgehobene rechte

©Sarah-Maria
„Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen?“ konterte Werner Finck, als er in seinem Kabarett-Theater „Katakombe“ einen von Goebbels Spitzeln entdeckte, der fiebrig alles mitschrieb, was Finck auf seine Zuschauer losließ. Fincks Devise lautete: „Wir sind nicht gerade offen, aber offen genug, um gerade offen zu bleiben.“ Doch seine Zwischen-den-Zeilen-Seitenhiebe an das Nazi-Regime wurde den Machthabern schnell zu bunt.

„Das Publikum in der ,Katakombe’ setzt sich in der überwiegenden Mehrzahl aus Juden zusammen, die den Gemeinheiten und der bissigen, zersetzenden Kritik des Conférenciers Werner Fink fanatisch Beifall zollen. Fink ist der typische frühere Kultur-Bolschewist, der offenbar die neue Zeit nicht verstanden hat oder jedenfalls nicht verstehen will und der in der Art der früheren jüdischen Literaten versucht, die Ideen des Nationalsozialismus und alles das, was einem Nationalsozialisten heilig ist, in den Schmutz zu ziehen“, schrieb ein solcher Gestapo Spitzel am 16. April 1935 in seinem Bericht.

Finck wurde in die gefürchtete Gestapo-Zentrale in die Prinz Heinrich Straße verschleppt – und kommentierte kurz darauf, dass ihn dort ein Gestapo-Mann von oben bis unten durchsucht habe und ihn schließlich fragte: „Haben Sie Waffen?“ Woraufhin er geantwortet habe: „Wieso braucht man hier welche?“

Er und seine Kollegen Heinrich Giesen sowie Ilse Trautschold kamen in das KZ-Esterwegen im Emsland und die Katakombe wurde für immer geschlossen. Sie war damas in der Bellevuestraße 3 (Berlin) und eine echte Institution. Dort haben Künstler wie Theo Lingen oder Erich Kästner zur allgemeinen Belustigen beigetragen. „Der Wind schlug um. Nun pfeift ein Wind von griechisch-nordischer Prägung. Bei Wotans Donner, jetzt beginnt die Dummheit als Volksbewegung“, schrieb Kästner über die Nazi-Zensur.

Im KZ versuchte Werner Finck sich und seinen Mitgefangen durch Galgenhumor Mut zu machen: „Ihr braucht keine Angst vor’m KZ zu haben – wir sind ja schon drin.“ Nach sechs Wochen Gefangenschaft begann seine Gerichtsverhandlung und er musste zusammen mit einem Kollegen einen seiner Sketche vor Gericht vorführen:

Ein Kunde kommt zu seinem Schneider 
SCHNEIDER: Womit kann ich dienen? 
KUNDE: Jetzt spricht er auch schon von dienen! Ich möchte einen Anzug haben, weil mir etwas im Anzug zu sein scheint.
SCHNEIDER: Schön! 
KUNDE: Ob das schön ist, na ja. Ich weiß nicht…. 
SCHNEIDER: Ich habe neuerdings eine Menge auf Lager. 
KUNDE: Auf’s Lager wird wohl alles hinauslaufen. 
SCHNEIDER: Darf’s etwas einheitliches oder etwas gemustertes sein? 
KUNDE: Einheitliches hat man ja jetzt schon genug. Aber auf gar keinen Fall Musterung! 
SCHNEIDER: Dann nehmen sie doch bitte mal den rechten Arm hoch.
Der Kunde hebt den Arm zum Hitlergruß. 
SCHNEIDER: Mit geballter Faust bitte.
Der Schneider nimmt die Maße und murmelte sie laut vor sich hin: sie bilden die Eckdaten der Naziherrschaft: 1918/19 und 1933. Als er fertig ist, nimmt der Kunde seinen Arm nicht hinunter. 
SCHNEIDER: Ja, warum nehmen Sie denn den Arm nicht runter? Was soll denn das heißen? 
KUNDE: Aufgehobene Rechte!

Vor Gericht versuchte Finck den Sketch zu entschärfen und endete mit „Erhobene Rechte“. Der Staatsanwalt warf daraufhin einen Blick in sein Skript und verbesserte: „Das heißt doch Aufgehobene Rechte!“ Finck erwiderte: „Das haben Sie gesagt.“

Die Verhandlung endete für Finck mit seiner Entlassung aus Esterwegen und einem einjährigen Berufsverbot. Ab 1937 trat er schließlich wieder im „Kabarett der Komiker“ auf, bis jenes 1939 auch verboten wurde und Finck endgültig mit einem Berufsverbot belegt wurde. Er meldete sich „freiwillig“ bei der Wehrmacht, um nicht erneut verhaftet zu werden. Nach dem Krieg arbeitete er weiterhin als Kabarettist, bis er am 31. Juli 1978 in München starb.

Quellen:
Galli, M.: Berlin, die Kunststadt. München: Bucher, 2009.
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Stiftung Haus der Geschichteder Bundesrepublik Deutschland: Werner Finck. http://www.hdg.de/lemo/html/biografien/FinckWerner/index.html (abgerufen am 24. Juni 2011).

Kommentare:

  1. es ist immer wieder interessant bei dir ....

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

    AntwortenLöschen
  2. An Werner Finck kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich mochte seine Art.
    Danke für deinen interessanten Artikel!...die jüngeren Leute kennen leider viele Namen von damals nicht mehr. Naja, sie kennen dafür Namen die uns fremd sind!
    Liebe Grüße von Zaunwinde

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...