Als Prinz verkleidet flanierte Else Lasker-Schüler mitunter durch die Berliner Straßen. Zwar durchaus das eine oder andere Mal durch diversen Spott begleitet, aber dennoch war sie in Dichterkreisen hochverehrt. 1932 bekam sie sogar, gemeinsam mit Richard Billinger, den Kleist-Preis verliehen.
Und sie tat, was getan werden musste: noch mit über fünfzig Jahren prügelte sie sich mit den Nazis. „Ich bin noch nicht geheilt von der Nollendorfschlacht. Noch eine Wunde am Oberarm und Unterfußgelenk, so hab ich mich geschlagen mit den Nazis“, schrieb sie Anfang 1931.
Besagte Schlägerei fand etwa einen Monat zuvor anlässlich der Aufführung des Films „Im Westen nichts Neues“ statt. Der nach dem gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque verfilmte Anti-Kriegs-Epos war den Nazis selbstverständlich ein Dorn im Auge. Unter Adolf Hitler und Joseph Goebbels wurde ein Haufen ihrer Anhänger zu der Aufführungsstätte im damaligen Mozartsaal am Nollendorfplatz 5 (das heutige Goya) geschickt. Sie randalierten so lange bis der Film wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit verboten wurde. Neben Stinkbomben setzten die Nazis Mäuse „in solcher Anzahl, dass man auf einen Ausverkauf dieses Artikels in sämtlichen Berliner einschlägigen Tierhandlungen schließen konnte“ ein, erinnerte sich der damalige Kinobetreiber Hanns Brodnitz.
Berlin verdankt Brodnitz viele legendäre Kinoaufführungen. Darunter z.B. Filme von Charlie Chaplin oder der in Berlin spielende Billie Wilder Film „Menschen am Sonntag“. Nach den Ausschreitungen waren Brodnitz und sein Kino ruiniert. 1933, mit der Machtergreifung der Nazis, verlor er als Jude zudem seinen Job bei der Ufa und ab 1938 versteckte er sich im Berliner Untergrund. Brodnitz unternahm viele verzweifelte Versuche, um eine Möglichkeit zur Ausreise zu finden. Vergeblich. 1944 wurde er in Ausschwitz ermordet.
Quellen:
Conrad, A.: Krieg im Kinosaal. In: Der Tagesspiegel, 05.12.2010.
Bienert, M./Buchholz E. L.: Die Zwanziger Jahre in Berlin: ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin: Berlin Story Verlag, 2006.
Jahn, H./Urban, P.: Else Lasker-Schüler - Annäherung an eine Biographie. http://www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de/cmsmadesimple/index.php?page=biographie (abgerufen am 21. Juni 2011).

Den Roman "Im Westen nichts Neues" habe ich als Mädchen oder junge Frau gelesen, er ist mir immer unvergesslich geblieben.
AntwortenLöschenMir gefällt bei deinen Artikeln, dass man dabei immer neugierig wird, noch mehr aus dieser Zeit zu erfahren. Vielen Dank!
Liebe Grüße von Zaunwinde
neben deinen Texten gefallen mir auch deine Bilder immer sehr :-)
AntwortenLöschenlieber Gruß von Heidi-Trollspecht.
Hi,
AntwortenLöschendas finde ich ganz klasse, übers Bloggen eine studierte Politikwissenschaftlicherin und Psychologin kennen zu lernen. Im Westen nichts Neues habe ich vor langer Zeit gelesen. Wenn sich vom Rheinland aus in Richtung Südwesten begibt, stößt man zwangsläufig auf die Spuren des 1. Weltkriegs. Visé in Belgien, das liegt 40 km westlich von Aachen, ist komplett niedergebrannt worden und die Bevölkerung erschossen worden, weil Widerstand gegen die Deutschen geleistet wurde. Lüttich wurde zu einem großen Teil verwüstet, weil das Festungssystem oberhalb der Maas nahezu uneinnehmbar war. Von der riesigen Tuchhalle in Ieper aus dem 13. Jahrhundert (West-Flandern) war nur noch ein Stumpf übrig geblieben. Und dann Soldatenfriedhöfe, Soldatenfriedhöfe, Soldatenfriedhöfe. In Flandern, in der Picardie, in der Champagne. Verdun war ich auch einmal. Der Tod hat etwas Monumentales, das hat nicht einmal demoralisierend auf mich gewirkt, sondern aufbauend, dass man vielleicht sogar lernen will aus den Fehlern der Vergangenheit.
Gruß Dieter
Danke für das Kommentar :)
AntwortenLöschen@Zaunwinde: ich hab‘ das Buch bisher noch nicht gelesen, sondern kenne „nur“ den Film – aber ich schätze, das sollte ich demnächst mal ändern…. ;)
AntwortenLöschen@Trollspecht: Das Bild habe ich, als ich mit 20 das aller erste Mal völlig alleine und recht spontan in den Urlaub nach Prag gefahren bin, in einer Galerie gemacht, die mich sehr beeindruckt hat. So sehr, dass ich sie zwei Jahre später noch einmal besucht habe.
@dieter759: Ich war da noch nie. Ich kenne diese Städte leider nur durch Bilder und Videos bzw. Filmnachstellungen. Verdun möchte ich auch unbedingt mal besuchen. Auch die anderen Orte klingen spannend! Da werde ich in den nächsten Tagen mal ein wenig zu lesen…. ;)
@Anne: Gern geschehen! :)
Und da hat es Künstler gegeben, die auch in Deutschland hoch geehrt wurden, die unter den Nazis Karriere gemacht haben weil sie nichts gegen sie gesagt haben, sondern ruhig waren und zugesehen haben bzw. für sie gespielt haben.
AntwortenLöschenIch kann jene nur bewundern und ihrer gedenken, die ihr Leben im Kampf gegen die Nazis verloren haben oder ihre Heimat verlassen mussten.
Tolles Bild mit den Figuren ohne Köpfe, kofplose oder hirnlose Menschen gibt es auch heut noch genug.
Ein super Beitrag Sarah-Maria,
ich wünsche Dir noch eine schöne Restwoche, liebe Grüße Ulrike
Ja, da gibt es eine Menge Künstler, die unter den Nazis Karriere gemacht haben, wie z.B. Richard Strauss – wobei der auch schon vor 1933 ein gefragter Komponist war. Ich finde es schwierig zu beurteilen, ob und wie sehr sie eine Mitschuld haben, denn immerhin stand für sie, genau wie für die restliche Bevölkerung, bei Auflehnung ihr Leben auf dem Spiel. Im Beispiel von Strauss ist das z.B. hier umrissen: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Strauss#Rolle_im_Nationalsozialismus
AntwortenLöschenIn diesem Zusammenhang darf auch nicht die Wissenschaft vergessen. Da war es ähnlich: Albert Einstein, wohl unbestritten einer DER Wissenschaftler überhaupt, ist 1933 nach der Machtergreifung gar nicht erst nach seiner USA-Reise zurückgekehrt. Die Nazis haben nur wenige Tage nach der Machtergreifung seine Berliner Wohnung verwüstet und seinen Besitz gepfändet….. Da hast du mich jetzt auf eine Idee für meinen nächsten Post gebracht…. ;) Danke! :D
Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Sarah Maria