Jüngst
haben Forscher eine über 100 Jahre verschollene Tonbandaufnahme von Otto von
Bismarck wiederentdeckt. Entstanden ist die Aufnahme 1889 mit dem Phonographen
des amerikanischen Erfinders Thomas Edison. In den Jahren 1889/90 reisten Edison
und sein deutscher Mitarbeiter Adelbert Theodor Wangemann durch Europa, um auf
prominenten Stimmenfang zu gehen. Während ihrer Tour machte Wangemann auch in Friedrichsruh, dem Familiensitz der Familie Bismarck, halt. Bismarck und
seine Frau Johanna waren dermaßen fasziniert von dem Phonographen, dass
Wagemann beim Erzählen und Vorführen die Zeit vergaß und somit auch seinen Zug
nach Berlin verpasste. Dies belegt ein Brief von Johanna von Bismarck an ihren
Sohn Herbert.
Bereits
1957 haben Mitarbeiter des Edisons-Museums eine hölzerne Kiste mit Wachswalzen
in dem ehemaligen Labor des Erfinders in West Orange (New Jersey) gefunden –
sie stand hinter einem Feldbett, in dem Edison hin und wieder eine Nickerchen
machte. Abgesehen von einer Aufnahme, auf der Brahms Klavier spielte, blieb der
mit „Wangemann. Edison“ gekennzeichnete Inhalt jedoch unentdeckt. Erst 2011
nahmen Forscher die Phonographenwalzen genauer unter die Lupe. Ihnen gelang es
12 der 17 Walzen abzuspielen und zu digitalisieren. Zur inhaltlichen Entschlüsselung
wendete sich das Forschungsteam u.a. an den Berliner Restaurator,
Medienhistoriker und Experte für frühe Tonbandaufnahmen Stephan Puille. Er
vermutete schnell, dass es sich um die verschollene Bismarck-Aufnahme handeln
könnte.
Die
Aufnahme beginnt mit der Datums- und Ortsansage einer männlichen Stimme
(wahrscheinlich Wangemann): „Friedrichsruh am 7. Oktober 1889“. Ein deutlicher
Hinweis! Zumal historische Zeitungsberichte der „New York Times“ und der „Wöchentlichen
Anzeigen für das Fürstentum Ratzeburg“ belegen, dass Bismarck 1889 Aufnahmen
mit Edisons Phonographen gemacht hat. Weiter decken sich der Inhalt der
Aufnahmen mit den Zeitungsberichten.
Die
Aufnahme wirkt auf den ersten Blick wie ein Test oder eine Probeaufnahme. Der
damals 74-jährige Otto von Bismarck spricht ein Sammelsurium von kurzen Versen.
Er begann mit: „In good old colony times/ When we
lives under the king/ Three roguish chaps fell into mishaps/ Because they could
not sing.” Diese
Zeilen, aus einem englischsprachigen Volkslied, könnten als eine Art Gruß an
Edison zu verstehen sein.
Als
nächstes spricht er: „Als Kaiser Rotbart lobesam/ Zum heil’gen Land gezogen
kam/ Da musst er mit dem frommen Heer/ Durch ein Gebirge wüst und leer.“ Diese
Verse stammen aus Ludwig Uhlands Heldenballade „Schwäbische Kunde“. Darauf
folgt mit: „Gaudeamus igitur/ iuvenes dum sumus/ Post iucundam iuventutem/ post
molestam senectutem/ nos habebit humus“ (hier ist die Aufnahme sehr schwer
verständlich) ein sehr bekanntes Studentenlied, welches zwar vor und
während der 1848/49-Revolution von aufständischen studentischen Kräften vielerorts
gesungen wurde, sich jedoch nicht nachhaltig als revolutionäres Liedgut etablierte. Bismarck war ein erklärter Gegner dieser
deutschen Revolution und wollte sogar selbst zur Waffe greifen, um
gemeinsam mit anderen Königstreuen die Aufstände niederzuschlagen. Selbst der
König notierte über den jungen und erzkonservativen Politiker: „Nur zu
gebrauchen, wo das Bajonett schrankenlos waltet.“ Das Lied wurde also weiterhin auf akademischen Feiern gesungen und konservative Gesangsvereine nannten sich nach diesem Titel. So auch der Jenaer Gesangsverein, der 1892, gemeinsam mit vielen Studenten, den Altkanzler mit Freudenfeuer, z.T. in den Buchstaben "Hoch Bismarck", in Jena empfing.
Schon fast ein Skandal hingegen ist Bismarcks nächste Wahl! Mit: “Allons enfants
de a Patrie/ Le jour de gloire est arrive/ Contre nous de la tyrannie/ L’étendard
sanglant est levé” zitiert er einige Zeilen der Marseillaise. Bismark, der
durch seine Intrige rund um die Emser Depesche den Auslöser zum
Deutsch-Französischen-Krieg 1970/71 willentlich herbeigeführt hatte, sprach also
für die Nachwelt die französische Nationalhymne auf Band. Warum rezitierte er
diese Zeilen? In der New York Times vom 31.01.2012 wird zu dieser Frage der
Bismarck-Biograph Dr. Jonathan Steinberg mit den Worten „Bismarck war ein sehr,
sehr witziger Mensch“ zitiert. Weiter vermutet er, dass es ihn schlicht gereizt
hat vor aller Welt und vor der Nachwelt die Marseillaise zu zitieren. Eine weitere
Erklärung, warum er sich zu dieser Provokation hinreißen ließ, könnte sein,
dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme kurz vor dem Ende seiner politischen
Karriere stand. Denn der neue Kaiser, Wilhelm II., hielt im Gegensatz zu seinem
Vater, nicht sonderlich viel von Bismarck. Die zeitgenössische Presse
verschwieg diesen Teil der Aufnahme übrigens damals.
Die
Aufnahme endet schließlich mit: „Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit,
namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch
das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn.“ Diesen Rat richtete Bismarck an
seinen Sohn Herbert, der die Aufnahme wenige Wochen später in Budapest hörte. Wohl
auch nicht ohne ein Augenzwinkern, da Bismarck offenkundig viel und bis ins
hohe Alter arbeitete sowie bei Tisch auch nicht gerade als enthaltsam galt. („Bismarck was a gigantic
man with gigantic appetites and a gigantic temper. He never did anything in
moderation, and Herbert was just as immoderate.” – so Dr. Jonathan Steinberg in
der New York Times).
Ulrich Lappenküper,
Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, resümiert über den Klang der Stimme: „Nein, ich habe sie mir
anders vorgestellt. Bisher war überliefert, dass die Stimme recht hoch gewesen
sei. Wenn man sie sich anhört – vorbehaltlich allem, was der mangelnden
Tonqualität geschuldet ist – klingt die Stimme nach meinem subjektiven
subjektiven Eindruck eher kräftig,“ und vermutet zum Inhalt: "Ich glaube, das muss man mit einem Augenzwinkern betrachten, so wie
Bismarck es wahrscheinlich auch augenzwinkernd gemeint hat. Man muss
sich vorstellen, da kommt so ein Amerikaner auf Promotion-Tour für ein
hochmodernes Gerät vorbei und bittet ihn, einige Sätze zu sprechen.
Vieles davon wird ihm vielleicht spontan eingefallen sein. [...] Es fällt schwer, aus der großen zeitlichen Distanz zu spekulieren, was
Bismarck damals durch den Kopf gegangen sein mag. Es fällt auf, dass es
vier verschiedene Sprachen sind. Vielleicht wollte er seine eigene
Mehrsprachigkeit zeigen."
Außerdem
fanden die Forscher in der Kiste Gesangsaufnahmen von deutschen und ungarischen
Barden. Die allererste Aufnahme eines Chopin-Stücks sowie die Stimme des
89-jährige Feldmarschall Graf Helmuth Moltke, der in seinem Familiensitz in Kreisau
Goethe und Shakespeare zum Besten gab. Moltke dürfte damit der älteste Mensch
überhaupt sein, dessen Stimme für die Nachwelt konserviert wurde. „Dies sind „die
einzigen Aufnahmen eines im 18. Jahrhundert Geborenen, die heute noch hörbar
sind,“ so Puille.
Quellen:
Cowen, R.: Restored Edison Records Revive Giants
of 19th-Century Germany. In: New York Times. http://www.nytimes.com/2012/01/31/science/bismarcks-voice-among-restored-edison-recordings.html?_r=1
(abgerufen am 14.02.2012)
Burchard,
A.: Bismarcks Stimme aus der Vergangenheit. In: Zeit Online. http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2012-01/bismarck-tondokument/seite-1
(abgerufen am 14.02.2012).
Blasius,
R.: Bismarcks Stimme. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/sensationeller-fund-in-amerika-bismarcks-stimme-11632852.html
(abgerufen am 14.02.2012).
Das
Gupta, O.: Bismarcks Stimme erklingt nach 123 Jahren. In: Süddeutsche Zeitung. http://www.sueddeutsche.de/wissen/historische-tonaufnahme-des-reichskanzlers-bismarcks-stimme-erklingt-nach-jahren-1.1271707
(abgerufen am 14.02.2012).

jetzt habe ich gerade Otto von Bismarck gehört :-)
AntwortenLöschendas war ein Gefühl ... wie eine Reise in die Vergangenheit
danke wieder für deine Infos Sarah-Maria
lieber Gruß von Heidi-Trollspecht
Das ist sehr umfassend, wie du recherchiert hast. Bist du Historikerin ? Ich auf jeden Fall nicht, wenngleich ich Bismarck durchaus als großen Politiker betrachte. Letztlich hat er ja Deutschland als Nationalstaat geschaffen, wie er heute in Teilen noch existiert. Etwas abneigend stehe ich in dieser Epoche den deutschen Kaisern gegenüber - die aus meiner Sicht mit Schuld gewesen sind am Ausbruch des 1. Weltkrieges.
AntwortenLöschenGruß Dieter
Hallo Dieter, nein, ich bin keine Historikern. Ich habe mein Studium mit Politik im Hauptfach sowie Psychologie und Friedens- und Konfliktforschung im Nebenfach angefangen. Habe aber schließlich komplett auf Psychologie gewechselt. Dennoch habe ich immer noch ein unverändert großes Interesse an Politik, Geschichte, Kunst und Kultur....
AntwortenLöschenUm einen Überblick zur Auslöser-Debatte rund um den Ersten Weltkrieg zu bekommen, kann ich die Ausstellung im Berliner Deutschen Historischen Museum empfehlen. Denn dort werden die wichtigsten/ gängigsten Positionen sehr gut zusammengefasst.
Guten Morgen Sarah-Maria, interessante Studienfächer hast du gewählt. Mich interessieren diese Themen auch alle sehr, deshalb lese ich auch immer leidenschaftlich gerne, was du recheriert hast. Das ist schon erstaunlich wie alt die ersten Tonaufnahmen sind, das hätte ich nicht vermutet.
AntwortenLöschenSchönen Tag und liebe Grüße, Zaunwinde
Faszinierend und mit den Auswertungen der Walzen bleiben diese Fragmente digitalisiert für uns übrig. Viele Sachen sind von Bismarck bekannt und werden noch einmal aufgefrischt. Ein sehr schöner und umfassender Beitrag!
AntwortenLöschenLieber Gruß Senna
danke :)
AntwortenLöschenIrgendwie schon ein kluger Mann. Man / frau kommt nicht ganz an ihm vorbei. Irgendwo taucht er immer wieder auf.
AntwortenLöschenViele Grüße Synnöve
Interessante Artikel, weiter so!
AntwortenLöschen(und danke fürs flattrn.)