Dienstag, 14. Februar 2012

die stimme bismarcks

Jüngst haben Forscher eine über 100 Jahre verschollene Tonbandaufnahme von Otto von Bismarck wiederentdeckt. Entstanden ist die Aufnahme 1889 mit dem Phonographen des amerikanischen Erfinders Thomas Edison. In den Jahren 1889/90 reisten Edison und sein deutscher Mitarbeiter Adelbert Theodor Wangemann durch Europa, um auf prominenten Stimmenfang zu gehen. Während ihrer Tour machte Wangemann auch in Friedrichsruh, dem Familiensitz der Familie Bismarck, halt. Bismarck und seine Frau Johanna waren dermaßen fasziniert von dem Phonographen, dass Wagemann beim Erzählen und Vorführen die Zeit vergaß und somit auch seinen Zug nach Berlin verpasste. Dies belegt ein Brief von Johanna von Bismarck an ihren Sohn Herbert.

Bereits 1957 haben Mitarbeiter des Edisons-Museums eine hölzerne Kiste mit Wachswalzen in dem ehemaligen Labor des Erfinders in West Orange (New Jersey) gefunden – sie stand hinter einem Feldbett, in dem Edison hin und wieder eine Nickerchen machte. Abgesehen von einer Aufnahme, auf der Brahms Klavier spielte, blieb der mit „Wangemann. Edison“ gekennzeichnete Inhalt jedoch unentdeckt. Erst 2011 nahmen Forscher die Phonographenwalzen genauer unter die Lupe. Ihnen gelang es 12 der 17 Walzen abzuspielen und zu digitalisieren. Zur inhaltlichen Entschlüsselung wendete sich das Forschungsteam u.a. an den Berliner Restaurator, Medienhistoriker und Experte für frühe Tonbandaufnahmen Stephan Puille. Er vermutete schnell, dass es sich um die verschollene Bismarck-Aufnahme handeln könnte.

Die Aufnahme beginnt mit der Datums- und Ortsansage einer männlichen Stimme (wahrscheinlich Wangemann): „Friedrichsruh am 7. Oktober 1889“. Ein deutlicher Hinweis! Zumal historische Zeitungsberichte der „New York Times“ und der „Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstentum Ratzeburg“ belegen, dass Bismarck 1889 Aufnahmen mit Edisons Phonographen gemacht hat. Weiter decken sich der Inhalt der Aufnahmen mit den Zeitungsberichten.

Die Aufnahme wirkt auf den ersten Blick wie ein Test oder eine Probeaufnahme. Der damals 74-jährige Otto von Bismarck spricht ein Sammelsurium von kurzen Versen. Er begann mit: „In good old colony times/ When we lives under the king/ Three roguish chaps fell into mishaps/ Because they could not sing.” Diese Zeilen, aus einem englischsprachigen Volkslied, könnten als eine Art Gruß an Edison zu verstehen sein.

Als nächstes spricht er: „Als Kaiser Rotbart lobesam/ Zum heil’gen Land gezogen kam/ Da musst er mit dem frommen Heer/ Durch ein Gebirge wüst und leer.“ Diese Verse stammen aus Ludwig Uhlands Heldenballade „Schwäbische Kunde“. Darauf folgt mit: „Gaudeamus igitur/ iuvenes dum sumus/ Post iucundam iuventutem/ post molestam senectutem/ nos habebit humus“ (hier ist die Aufnahme sehr schwer verständlich) ein sehr bekanntes Studentenlied, welches zwar vor und während der 1848/49-Revolution von aufständischen studentischen Kräften vielerorts gesungen wurde, sich jedoch nicht nachhaltig als revolutionäres Liedgut etablierte. Bismarck war ein erklärter Gegner dieser deutschen Revolution und wollte sogar selbst zur Waffe greifen, um gemeinsam mit anderen Königstreuen die Aufstände niederzuschlagen. Selbst der König notierte über den jungen und erzkonservativen Politiker: „Nur zu gebrauchen, wo das Bajonett schrankenlos waltet.“ Das Lied wurde also weiterhin auf akademischen Feiern gesungen und konservative Gesangsvereine nannten sich nach diesem Titel. So auch der Jenaer Gesangsverein, der 1892, gemeinsam mit vielen Studenten, den Altkanzler mit Freudenfeuer, z.T. in den Buchstaben "Hoch Bismarck", in Jena empfing.  

Schon fast ein Skandal hingegen ist Bismarcks nächste Wahl! Mit: “Allons enfants de a Patrie/ Le jour de gloire est arrive/ Contre nous de la tyrannie/ L’étendard sanglant est levé” zitiert er einige Zeilen der Marseillaise. Bismark, der durch seine Intrige rund um die Emser Depesche den Auslöser zum Deutsch-Französischen-Krieg 1970/71 willentlich herbeigeführt hatte, sprach also für die Nachwelt die französische Nationalhymne auf Band. Warum rezitierte er diese Zeilen? In der New York Times vom 31.01.2012 wird zu dieser Frage der Bismarck-Biograph Dr. Jonathan Steinberg mit den Worten „Bismarck war ein sehr, sehr witziger Mensch“ zitiert. Weiter vermutet er, dass es ihn schlicht gereizt hat vor aller Welt und vor der Nachwelt die Marseillaise zu zitieren. Eine weitere Erklärung, warum er sich zu dieser Provokation hinreißen ließ, könnte sein, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme kurz vor dem Ende seiner politischen Karriere stand. Denn der neue Kaiser, Wilhelm II., hielt im Gegensatz zu seinem Vater, nicht sonderlich viel von Bismarck. Die zeitgenössische Presse verschwieg diesen Teil der Aufnahme übrigens damals.

Die Aufnahme endet schließlich mit: „Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn.“ Diesen Rat richtete Bismarck an seinen Sohn Herbert, der die Aufnahme wenige Wochen später in Budapest hörte. Wohl auch nicht ohne ein Augenzwinkern, da Bismarck offenkundig viel und bis ins hohe Alter arbeitete sowie bei Tisch auch nicht gerade als enthaltsam galt.  („Bismarck was a gigantic man with gigantic appetites and a gigantic temper. He never did anything in moderation, and Herbert was just as immoderate.” – so Dr. Jonathan Steinberg in der New York Times).

Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, resümiert über den Klang der Stimme: „Nein, ich habe sie mir anders vorgestellt. Bisher war überliefert, dass die Stimme recht hoch gewesen sei. Wenn man sie sich anhört – vorbehaltlich allem, was der mangelnden Tonqualität geschuldet ist – klingt die Stimme nach meinem subjektiven subjektiven Eindruck eher kräftig,“ und vermutet zum Inhalt: "Ich glaube, das muss man mit einem Augenzwinkern betrachten, so wie Bismarck es wahrscheinlich auch augenzwinkernd gemeint hat. Man muss sich vorstellen, da kommt so ein Amerikaner auf Promotion-Tour für ein hochmodernes Gerät vorbei und bittet ihn, einige Sätze zu sprechen. Vieles davon wird ihm vielleicht spontan eingefallen sein. [...] Es fällt schwer, aus der großen zeitlichen Distanz zu spekulieren, was Bismarck damals durch den Kopf gegangen sein mag. Es fällt auf, dass es vier verschiedene Sprachen sind. Vielleicht wollte er seine eigene Mehrsprachigkeit zeigen."

Außerdem fanden die Forscher in der Kiste Gesangsaufnahmen von deutschen und ungarischen Barden. Die allererste Aufnahme eines Chopin-Stücks sowie die Stimme des 89-jährige Feldmarschall Graf Helmuth Moltke, der in seinem Familiensitz in Kreisau Goethe und Shakespeare zum Besten gab. Moltke dürfte damit der älteste Mensch überhaupt sein, dessen Stimme für die Nachwelt konserviert wurde. „Dies sind „die einzigen Aufnahmen eines im 18. Jahrhundert Geborenen, die heute noch hörbar sind,“ so Puille.



Quellen:
Cowen, R.: Restored Edison Records Revive Giants of 19th-Century Germany. In: New York Times. http://www.nytimes.com/2012/01/31/science/bismarcks-voice-among-restored-edison-recordings.html?_r=1 (abgerufen am 14.02.2012)
Burchard, A.: Bismarcks Stimme aus der Vergangenheit. In: Zeit Online. http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2012-01/bismarck-tondokument/seite-1 (abgerufen am 14.02.2012).
Blasius, R.: Bismarcks Stimme. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/sensationeller-fund-in-amerika-bismarcks-stimme-11632852.html (abgerufen am 14.02.2012).
Das Gupta, O.: Bismarcks Stimme erklingt nach 123 Jahren. In: Süddeutsche Zeitung. http://www.sueddeutsche.de/wissen/historische-tonaufnahme-des-reichskanzlers-bismarcks-stimme-erklingt-nach-jahren-1.1271707 (abgerufen am 14.02.2012).

Kommentare:

  1. jetzt habe ich gerade Otto von Bismarck gehört :-)
    das war ein Gefühl ... wie eine Reise in die Vergangenheit

    danke wieder für deine Infos Sarah-Maria

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  2. Das ist sehr umfassend, wie du recherchiert hast. Bist du Historikerin ? Ich auf jeden Fall nicht, wenngleich ich Bismarck durchaus als großen Politiker betrachte. Letztlich hat er ja Deutschland als Nationalstaat geschaffen, wie er heute in Teilen noch existiert. Etwas abneigend stehe ich in dieser Epoche den deutschen Kaisern gegenüber - die aus meiner Sicht mit Schuld gewesen sind am Ausbruch des 1. Weltkrieges.

    Gruß Dieter

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  3. Hallo Dieter, nein, ich bin keine Historikern. Ich habe mein Studium mit Politik im Hauptfach sowie Psychologie und Friedens- und Konfliktforschung im Nebenfach angefangen. Habe aber schließlich komplett auf Psychologie gewechselt. Dennoch habe ich immer noch ein unverändert großes Interesse an Politik, Geschichte, Kunst und Kultur....

    Um einen Überblick zur Auslöser-Debatte rund um den Ersten Weltkrieg zu bekommen, kann ich die Ausstellung im Berliner Deutschen Historischen Museum empfehlen. Denn dort werden die wichtigsten/ gängigsten Positionen sehr gut zusammengefasst.

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  4. Guten Morgen Sarah-Maria, interessante Studienfächer hast du gewählt. Mich interessieren diese Themen auch alle sehr, deshalb lese ich auch immer leidenschaftlich gerne, was du recheriert hast. Das ist schon erstaunlich wie alt die ersten Tonaufnahmen sind, das hätte ich nicht vermutet.
    Schönen Tag und liebe Grüße, Zaunwinde

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  5. Faszinierend und mit den Auswertungen der Walzen bleiben diese Fragmente digitalisiert für uns übrig. Viele Sachen sind von Bismarck bekannt und werden noch einmal aufgefrischt. Ein sehr schöner und umfassender Beitrag!
    Lieber Gruß Senna

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  6. Irgendwie schon ein kluger Mann. Man / frau kommt nicht ganz an ihm vorbei. Irgendwo taucht er immer wieder auf.
    Viele Grüße Synnöve

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  7. Interessante Artikel, weiter so!
    (und danke fürs flattrn.)

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