„Kennst du Wanderer sie nicht, lerne sie kennen“, erinnert eine Gedenktafel an der Berliner Sophienkirche an die dort begrabene Dichterin Anna Louisa Karsch. Sie wurde 1722 in ärmlichen Verhältnissen geboren und ging mit 39 Jahren, nach zwei gescheiterten Ehen und sieben Kindsgeburten, nach Berlin. Dort wurde sie schnell zu einer kleinen Berühmtheit und bald sogar an den Hof zitiert, um Gedichte und Hymnen für und auf die adeligen Damen und Herren zu dichten. Mendelssohn und Lessing gehörten ebenfalls zu den Verehrern ihrer Kunst. 1778 schloss sie sogar persönlich Bekanntschaft mit dem um einige Jahre jüngeren Goethe - zuvor hatten die beiden Schreiberlinge schon einige Briefwechsel gepfelgt.
Trotz ihrer Prominenz musste sie stets in armen Verhältnissen leben. 1763 versprach ihr der König zwar ein Haus sowie eine Jahresrente, hielt sein Versprechen aber nicht. Erst 1789 - zwei Jahre vor ihrem Tod – wurde das Versprechen eingelöst.
Hier einer der Briefe, die sie an Goethe schrieb:
Zu Berlin, montags den 18. Mai 1778
Schön' guten Morgen! Herr Doktor Goeth,
Euch hab ich gestern grüßen wollen.
's ist wider's Weiber-Etikett,
Ich hätt's von Euch erwarten sollen,
Daß Ihr, wie sich's gebührt und ziemt,
Mich aufgesucht und mich gegrüßet.
Ihr aber seid gar weltberühmt,
's war möglich, daß Ihr's bleiben ließet.
Ihr seid des Herzogs Spießgesell,
Habt mehr zu tun und mehr zu schaffen
Als mit Eurem Auge groß und hell
Nach einem alten Weib zu gaffen.
Drum sprang ich übers Zeremoniell
Hinweg mit Leichtmut und mit Lachen,
Zog mir mein Sonntags-Kleidchen an
Und ging, Euch meinen Knix zu machen,
So tief ich immer kann
Mit dorfgebornen Knie.
Ich ging umsonst, Ihr wart
Schon fort in aller Frühe
Zu Männern feiner Art.
Nun will ich's nicht mehr wagen.
Mein Geist, ein fixes Ding,
Soll »guten Morgen« sagen
Dir Musendämmerling,
Dir Sekretär des Fürsten,
Der auf dem Parnaß sitzt
Und, wenn die Dichter dürsten,
Mit Wasser sie besprützt
Aus Einem Born, der mächtig
Und wundertätig ist.
Er macht's, daß Du so prächtig,
So stark im Ausdruck bist,
Daß Dir's vom Munde fließet
Wie Honig, den im Wald
Ein Wandersmann genießet,
Dem seine Kräfte bald
Erschöpft sind wie die meinen.
Jüngst sollt ich im Revier
Des Pluto schon erscheinen,
Ein Schiffer winkte mir.
Ich ward ihm noch entrissen
Durch des Apollon Gunst,
Wie's nachzuzeichnen wissen
Des Chodowieki Kunst.
Ich sollte dich noch sehen!
Geschieht es nicht bei mir,
Kann's beim Andrä geschehen,
Der ist ein Freund von Dir,
Wie's wenige nur gibet;
Von Herzen schätzt er Dich,
Und bei dem allen liebet
Er Dich nicht mehr als ich.
Quellen:
Zitta, Ü.: Die "deutsche Sappho". http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt97/9710pora.htm (abgerufen am 22. Juni 2011).
Zepke, A.: Wer war Anna-Louisa Karsch?. http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/gedenken/anna_louisa_karsch.html (abgerufen am 22. Juni 2011).
Hochschule Augsburg: Briefe an Goethe. http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Karsch/kar_bgoe.html (abgerufen am 10. Mai 2011).
Im alten deutschen Stil und mit Beachtung der Versschreibung wirkt der Brief von A. L. Karsch, wie beabsichtigt, wie ein Gedicht und ist schön zu lesen. LG Senna
AntwortenLöschenDas ist ja höchst interessant, mir war der Name dieser Dichterin unbekannt. Herzlichen Dank für deinen Beitrag den ich mit großem Interesse gelesen habe.
AntwortenLöschenEs ist ja erstaunlich wie A.L.Karsch gelebt hat. Sicher gab es früher viele Frauen deren Talente nie zu Tage kamen, weil sie einfach nicht gehört und gesehen wurden.
Ich will nun in den beiden Biografien..Goethes Mutter und Christiane, die ich hier stehen habe, nachsehen, ob dort auch A.L.Karsch erwähnt wird.
Liebe Grüße von Zaunwinde
Das ist sehr interessant und die Dame hat ein ganz schön hartes Leben hinter sich. Ihre Worte gehen in die Tiefe. Das gefällt mir.
AntwortenLöschenViele Grüße Synnöve
♥♥♥ Rosine
AntwortenLöschen@Senna, Seraphina & Rosine: ja, der Brief ist schon ein literarisches Kunstwerk für sich.
AntwortenLöschen@Zaunwinde: Jetzt machst du mich neugierig! Hast du was gefunden? Vermutlich eher nicht, oder? Sooo wichtig, dass sie in den Goethe-Biographien steht, war sie dann für den Johan Wolfgang dann wohl doch nicht…
das Gedicht von Anna Louisa Karsch habe ich sehr gerne gelesen. Bewundernswert, dass sie damals so übers Zeremoniell gesprungen ist.
AntwortenLöschenlieber Gruß von Heidi-Trollspecht
Ich hab heut auch mal hier rein geguckt und bin beeindruckt von dem Gedicht. Auch der Kurzfilm von neulich hat mir sehr gut gefallen. Ich glaub, ich komm gern mal wieder.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Rosalie∙∙♥♥∙∙
Liebe Rosalie, das freut mich sehr! Und ich heiße dir ganz herzlich willkomen auf meinem Blog! :)
AntwortenLöschenLiebe Grüße, Sarah
Liebe Sarah-Marian,
AntwortenLöschendas ist ein wirklich interessantes Gedicht. Für seine Zeit sicher ungewöhnlich frei, mit sehr spitzer Feder und sehr mutig zu Papier gebracht.
Hoffentlich hat der Brief Goethe zumindest nachdenklich gemacht!!!
Lieben Gruß
moni
Ja, das finde ich auch sehr bemerkenswert, wie sehr sie auf die Konventionen pfeifft - vor allem, war es vermutlich wohl mehr als ungewöhnlich, als ältere Dame mit einem viel jüngeren (männlichen!) Kollegen einen Briefwechsel zu pflegen.
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