Freitag, 24. Februar 2012

einsteins "flucht" aus berlin

Als Albert Einstein 1929 seinen 50. Geburtstag feierte, wollte die Stadt Berlin ganz besonders auftrumpfen und entschied sich ihrem berühmten Bürger ein Landhaus zu schenken. Einstein wurde also nach seinen Wünschen befragt - doch die Grundstückssuche ging mit Ach und Krach in die Hose: es gab Intrigen, Streitigkeiten, antisemitische Agitationen und diverse andere Gründe, warum letztlich weder ein Haus noch ein Hüttchen verschenkt wurde.

Einstein hatte sich aber mittlerweile so sehr mit dem Gedanken eines Häuschen in der Natur angefreundet, dass er kurzerhand selbst baute. Bereits im Dezember 1929 konnte er einziehen: „In dem neuen Holzhäuschen gefällt mirs großartig. Trotz der durch dasselbe erzeugten Pleite. Das Segelschiff [ein Geschenk von Freunden], die Fernsicht, die einsamen Herbstspaziergänge, die relative Ruhe, es ist ein Paradies.“ In Caputh, bei Potsdam, konnte Einstein die Seele baumeln lassen und wurde auch nicht müde seiner Freude darüber, dass er Anzug und Krawatte im Schrank lassen konnte, Ausdruck zu verleihen.

1931 lud er z.B. seinen Sohn Eduard mit folgendem Vierzeiler zu sich ein:
„Sei ein gutes faules Tier
Streck alle Viere weit von Dir
Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt
Und auf Papa, wenn Dirs gefällt.“

Doch diese Ungezwungenheit sollte ein jähes Ende finden, denn die Nationalsozialisten bekamen immer mehr gesellschaftliches Gewicht. So dass Einstein sich letztlich, trotz diverser Vorbehalte gegen den Kommunismus, entschloss, sich der politischen Linken anzuschließen - und hielt z.B. an der Marxistischen Arbeiterschule den Vortrag „Was der Arbeiter von der Relativitätstheorie wissen muß“. 1932 besuchten ihn in Caputh Käthe Kollwitz und Heinrich Mann, um ihn als prominenten Unterstützer eines Aufrufs zu gewinnen, in dem sie Gewerkschaftsführer, Sozialdemokraten und Kommunisten aufforderten gemeinsam gegen die Nazis zu kämpfen. Albert Einstein setzte sich und seine Prominenz (nicht nur in Berlin) immer wieder dafür ein Gerechtigkeit walten zu lassen.

Als die Nazis 1933 mit ihrer Machtergreifung das Ende der Demokratie einläuteten, befand sich Einstein auf einer Amerikareise. Als er hörte, dass Hindenburg nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 die politischen und bürgerlichen Grundrechte außer Kraft gesetzt hatte, war für ihn klar, dass er nach Deutschland nicht zurückkehren wird. Einen Monat später gab er in Antwerpen seine deutsche Staatsbürgerschaft auf (offiziell aberkannt wurde sie ihm aber erst 1934, weil es nach deutschem Recht illegal war diese selbst aufzugeben) und kündigte der Preußischen Akademie der Wissenschaft seine Mitgliedschaft. Die ihm daraufhin mitteilte, dass dies nicht weiter bedauert werde, da sich Einstein an „der Greulhetze“ gegen Deutschland im Ausland beteiligt habe. Denn Einstein hatte auf seiner Amerikareise immer wieder offen zum Ausdruck gebracht, was er von den politischen Entwicklungen in Deutschland hielt. Max Planck kommentierte, „daß Herr Einstein selber durch sein politisches Verhalten sein Verbleiben in der Akademie unmöglich gemacht“ habe. Im Mai 1933 wurden Einsteins Schriften zusammen mit 20.000 anderen Büchern von der Berliner Studentenschaft auf dem Bebelplatz verbrannt.

Die Nazis rissen direkt nach ihrem Regierungsantritt Einsteins Berliner Wohnung und seine Konten an sich. Sein kleines Anwesen in Caputh wurde aber zunächst verschont, weil es auf den Namen seiner Stieftöchter ausgestellt war. Nur deshalb konnte Einstein über einen befreundeten Rechtsanwalt veranlassen, das Haus einem jüdischem Kinderheim als zusätzliches Gebäude zur Verfügung zu stellen. Denn immer mehr Berliner Juden schickten ihre Kinder, angesichts der wachsenden Bedrohung, in ländlichere Regionen.

Doch der Unterschlupf für die Kinder blieb nicht lange erhalten: am 10. Januar 1935 wurde das Grundstück von den Nazis beschlagnahmt und die Kinder hinausgejagt. Es ging zu einem Spottpreis an die Gemeinde Caputh und wurde in der Folge von diversen nationalsozialistischen Jugendgruppen genutzt sowie als Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen oder Lager deutscher Truppen verwendet. Im letzten Kriegsjahr waren dort zeitweise über vierzig Personen gemeldet. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Gruppe von Zwangsarbeitern eines nahegelegenen Lagers.

Heute kann man das Einstein-Domizil besichtigen. Über seine Relativitäts-Theorie sagte er übrigens folgendes:

„Wenn ich mit der Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, und die Franzosen, ich sei Weltbürger. Erweist sich meine Theorie als falsch, werden die Franzosen sagen, ich sei Deutscher, und die Deutschen, ich sei Jude.“



Quellen:
Einsteinhaus in Caputh: http://www.einsteinsommerhaus.de/index.php?id=456 (abgerufen am 03. Juni 2011).
Unseld, M.: Berliner Philharmoniker: »Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt…«. http://www.berliner-philharmoniker.de/en/magazine/pamphlets/programme-pamphlets/heft/komm-nach-caputh-pfeif-auf-die-welt/ (abgerufen am 03. Juni 2011).

Kommentare:

  1. Sarah-Maria,
    es gefällt mir gut hier etwas zu lesen, dass mein Wissen erweitert oder auffrischt!

    Danke !

    LG Rosine ♥

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  2. da bekomme ich vom Einstein ein ganz neues Bild :-)
    so hätte ich mir meinen Schulunterricht früher gewünscht.

    Und wieder ein interessantes Bild.

    lieber Freitagabendgruß von Heidi-Trollspecht

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  3. Hallo Sarah-Maria,

    wieder einmal ganz toll erzählt und auch sehr sorgfältig recherchiert. Es macht Spaß, deinen Blog zu lesen. Was Juden und/oder Vertreibung betrifft, läuft es mir in sehr vielen Situationen eiskalt den Rücken herunter. Ich habe 3 Jahre in Köln-Ehrenfeld gewohnt. Nur einen Steinwurf weiter, wo ich gewohnt habe, steht nur noch eine Gedenktafel, dass während der Reichsprogromnacht am 9.11.1938 eine Synogoge zerstört worden ist (von der der 2. Weltkrieg überhaupt nichts mehr übrig gelassen hat). Zeitgleich war sämtlichen Juden ihr Eigentum enteignet worden und den Nazis zugeführt worden. Versicherungen (vor allem die Allianz !!!!!) hatten pauschal mit dem Hinweis auf Juden jegliche Schandenserstattung abgelehnt.

    Schöne Grüße
    Dieter

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  4. Vielen Dank, Sarah-Maria!
    Mit großem Interesse habe deinen Beitrag gelesen.
    Das Schlußzitat in deinem Beitrag stimmt nachdenklich...
    Das waren so schreckliche Jahre damals, viele Menschen waren dieser Zeit hilflos ausgeliefert, das dürfen wir nie vergessen und müssen draus lernen.
    Liebe Grüße von Zaunwinde

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  5. Ein sehr schöner Beitrag mit vielen wertvollen Informationen. Vielen Dank dafür und liebe Grüße von Synnöve

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  6. tja, hab wieder was dazu gelernt - und das als diplom mathematikerin (fh)... dachte, dass ich schon viel von einstein wußte ;)

    ganz liebe grüße
    dani

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  7. Ein schöner Artikel Sarah,
    Einstein war schon ein besonderer Mensch in jeder Hinsicht.
    Vielen Dank für Deinen Besuch, ich wünsche Dir eine tolle Woche, liebe Grüße Ulrike

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