Mittwoch, 7. März 2012

das ist unser' haus!

Der Rauch-Haus-Song von den Ton Steine Scherben besingt die Besetzung des ehemaligen Schwesternwohnheims im Berliner Bethanien-Krankenhaus. Übrigens einstige Wirkungsstätte Fontanes, denn dort hat er als Apotheker gearbeitet, bevor er diesen Beruf an den Nagel hing und Vollzeitschriftsteller wurde.

Bei der Besetzung handelte es sich um eine der ersten politisch motivierten Hausbesetzungen der Nachkriegsjahre. Benannt haben die Besetzter das Haus nach dem Studenten Georg von Rauch. Er wurde 1971 bei einem Schusswechsel von der Polizei getötet. Das Haus ist bis heute selbstverwaltet.

Die im Lied besungenen „Schmidt und Press und Mosch“ waren Bauunternehmer, die maßgeblich an dem massiven Abriss der Kreuzberger Altbauten beteiligt waren. Herrn Schmidt ist z.B. das „Neue Kreuzberger Zentrum“ am Kottbusser Tor zu verdanken. Das Nachrichtenmagazin Spiegel schrieb am 28. Mai 1973 über das Bauvorhaben folgendes: „Am Kottbusser Tor wollte Immobilien-Makler Günter Schmidt in halbkreisförmigem Bogen Gewerbe- und Wohnbauten für 80 Millionen Mark hochziehen. Doch auf dem Gelände standen noch Häuser, aus denen die Mieter nicht weichen mochten. Bauherr Schmidt sah sein ,Neues Kreuzberger Zentrum' in Gefahr und beschloß, die ,Entmietung' der Altbauten zu forcieren: Ohne Vorwarnung ließ er Türen und Fenster des noch teilbewohnten Hauses Dresdener Straße 131 herausbrechen und auf den Hof werfen. Begründung: „Wir wollen nicht, daß sich Gastarbeiter und anderes Gesindel einnisten."

Heinz Mosch stand dem in nix nach: „Koloß vorm Fenster - Über 5000 Menschen sollen nach einem Plan des Bauunternehmers Heinz Mosch in West-Berlin über der Autobahn wohnen. Sein ,Berlinopolis' ist ebenso zukunftsweisend wie umstritten", so der Spiegel am 08. Mai 1972. Und nur zweieinhalb Jahre später, am 20. Oktober 1975, titelte der Spiegel: „Pleitenjahr 75: Wie schön ein Konkurs ist“ und ließ wissen: „Heinz Mosch, Deutschlands ehedem größter privater Wohnungsbau-Unternehmer, bedauert seine Gläubiger. Mit drei Millionen Mark, so hatte der Baulöwe aus Wiesbaden noch vor kurzem kundgetan, werde er seinen Lieferanten und Bauhandwerkern für jede Mark, die er ihnen seit langem schuldet, bare 35 Pfennig zurückzahlen. Damit wollte sich Mosch den Gang zum Konkursrichter ersparen.“



Quellen:
So exzessiv und schamlos. In: Der Spiegel, (22/1973). S. 38-44.
Pleitenjahr 75: Wie schön ein Konkurs ist. In: Der Spiegel, (43/1975). S. 57-70.

Kommentare:

  1. Der Song erzählt die schäbige Geschichte ziemlich deutlich.

    Wir hätten heute viel weniger alte Gebäude, wenn sich damals nicht ein paar junge und mutige Leute vehement gegen diese Abrisse gewehrt hätten.

    Vor etlichen Jahren konnte die Freundin unserer Tochter, durch Zusammenschluss mehrerer Leute, ein altes Fachwerkhaus retten, es sind hübsche Wohnungen geworden, ich hab sie damals angesehen.

    Und fast immer standen hinter den Abrissprojekten Leute, die sich nur bereichern wollten.

    Danke für deinen Beitrag Sarah-Maria, ich hab ihn mit großem Interesse gelesen.
    Liebe Grüße von Zaunwinde

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  2. Hören und Lesen - das ist eine tolle Kombination :-)

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  3. Hallo Sarah-Maria,

    hast du klasse recherchiert und das Lied von Ton-Scheiben-Scherben trifft genau meinen Musikgeschmack. Wie kommst eigentlich an all die Spiegel-Zitate ran ? Hast du die in Bergen zu Hause rumliegen ? Woher weißt du, dass am 28. Mai 1973 ein Artikel über das Bauvorhaben Am Kottbusser Tor stand ? In Köln gibt es ganz bestimmt auch Geschichten über Hausbesetzer. Ich habe eben einmal begonnen, in Google zu recherchieren. So etwas strukturiertes und ganzheitliches habe ich auf Anhieb nicht gefunden. Mal sehen ...

    Schönen Abend
    Dieter

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  4. Hallo Sarah-Maria,

    ja das Lied muss erklärt werden und zeigt die politische Tiefe, gerade von Ton Steine Scherben mit Frontmann Rio Reiser und deren Verbindungen.
    Ein kleiner aber feiner Abriss!

    Lieber Sonntagsgruß Senna

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  5. Vielen lieben Dank für eure Kommentare. Ich war einige Tage in Berlin unterwegs und habe einige jetzt erst gelesen. @Dieter: Ich lese sehr viel und stoße meist eher zufällig auf solche Geschichten. Und dann begebe ich mich in der Regel erstmal in die Google-Suche und schaue, was es da zum Thema und zu den Namen gibt. Dabei sind mir dann auch die Spiegel-Artikel untergekommen.

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  6. Danke für die Hintergründe!
    Ich kannte das Lied bisher nur als Lied (live um 1980 und seitdem auf Tonträgern). Habe beim Scherben-Konzert 1983 hier im Städtchen fotografiert und einige der Bilder in meinem Blog in den Beiträgen
    http://ulaya.blogspot.com/2007/01/rio-reiser-abend-in-hannover.html
    und
    http://ulaya.blogspot.com/2007/02/ton-steine-scherben-family-in-hannover.html
    veröffentlicht.
    Grüße aus Hannover
    Jürgen

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  7. Hi Jürgen, danke für die Links! Da hab' ich vorhin gleich mal vorbei geschaut. :)

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