Donnerstag, 1. März 2012

max und fanny steinthal

In der Uhlandstraße 191 (Berlin - nahe Ku-Damm) stand einst das Anwesen der Familie Max und Fanny Steinthal. Max Steinthal war einer der wichtigsten Akteure in der deutschen Wirtschaft des Kaiserreichs. Er war Mitbegründer der Deutschen Bank , Financier der Berliner U-Bahn und spendete er mehrere 100.000 Goldmark für soziale und wissenschaftliche Einrichtungen. Zudem war er maßgeblich an der Gründung der Mannesmann AG beteiligt. Bis 1932 war Max Steinthal Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank. Dann trat er, nach eigenen Angaben, weil er hinsichtlich seiner jüdischen Abstammung der Bank keine Schwierigkeiten machen wollte, zurück. Seine Kinder flohen ins Ausland, doch zu diesem Schritt konnten sich das Ehepaar nicht entschließen. 1938 mussten sie schließlich ihre Villa räumen und sie weit unter Wert verkaufen. Ihre letzten Tage verbrachten sie in dem Berliner Hotel Eden am Bahnhof Zoo (dort wurde übrigens Rosa Luxemburg ermordet). Dort verstarb am 8. Dezember 1940, fast 90-jährig, Max Steinthal und wenig später, am 5. Oktober 1941, auch seine Frau Fanny.

Die Steinthals waren begeisterte Kunstsammler und hatten in ihrer Villa eine beachtliche Sammlung vorzuweisen. Darunter Werke von Pablo Picasso, Max Liebermann, Edouard Manet, Edvard Munch, Lovis Corinth oder Giovanni Segantini. Zudem wurde von Fanny Steinthal eine bedeutende Miniaturensammlung angelegt. Beraten wurden sie bei ihrer Auswahl von niemand geringeren als dem berühmten Museumsdirektor Wilhelm von Bode.

Ein Großteil des Nachlasses wurde von der Gestapo als Reichsfluchtsteuer ihrer Kinder sowie Judenvermögensabgabe beschlagnahmt. Der nichtjüdische Ex-Schwiegersohn Richard Vollmann wurde mit der Testamentsvollstreckung beauftragt. Er und Eva Steinthal hatten sich vor ihrer Flucht nach Peru scheiden lassen. Vollmann nahm, bei Beginn der Luftangriffe auf Berlin, einen Teil der Sammlung in sieben Kisten mit etwa 60 Exponate mit nach Dresden. Doch als er 1953 aus der DDR floh wurden die Kunstwerke gepfändet und ohne genauere Prüfung ins Depot der Staatlichen Kunstsammlung Dresden gegeben. Die Erben hatten zwar bereits 1948 Anspruch auf die Sammlung erhoben, jedoch liefen ihre Forderungen, ohne genaue Kenntnis des Aufenthaltsortes, ins Leere. 1998 beauftragten sie die Historikerin Monika Tatzkow mit der Suche nach der verschollenen Sammlung. Sie fand Hinweise darauf, dass die Bilder in Dresden zu suchen sind. Nach dem Elbhochwasser 2002 mussten die im Schloss Pillnitz gelagerten Beständen neu katalogisiert werden. Dabei wurden etwa 60 Bilder ausgemacht, die zu der Steinthal-Sammlung gehörten.

Den sieben Enkeln konnten, nach langen Verhandlungen, die entdeckten Bilder zurückgegeben werden. Sie wurden restauriert und 2004 im Jüdischen Museum Berlin ausgestellt. Schon zu Lebzeiten der Steinthals hingen die Bilder z.T. leihweise im Alten Jüdischen Museum. Nach der Ausstellung 2004 wurden die meisten Bilder von den Erben mit einem Millionengewinn bei Sotheby’s versteigert. Unter den wiedergefunden Stücken befand sich übrigens auch die Aktie der Deutschen Bank mit der No. 001. Sie ging bei Sotheby’s für 104.000 EUR weg. Die Miniaturensammlung von Fanny Steinthal sowie 40 weitere Werke sind jedoch leider bis heute verschollen.

Max und Fanny Steinthal sind auf dem interkonfessionellen Waldfriedhof Heerstraße (Berlin) beigesetzt. Am Alexanderplatz und der U-Bahn-Station Klosterstraße erinnert heute eine Gedenktafel an die Verdienste Steinthals. Zudem wurde in Erinnerung an Max und Fanny Steinthals Sohn Eduard,  vor dem einstigen Anwesen der Familie, ein Stolperstein verlegt. Eduard Steinthal floh 1937 nach Frankreich, wurde dort jedoch verhaftet und am 14. September 1943 nach Ausschwitz deportiert und ermordet.

Quellen:
Zeit Online: Von zwei Diktaturen unterdrückt. http://www.zeit.de/2004/38/Von_zwei_Diktaturen_unterdrueckt (abgerufen am 29. Februar 2012).
Jüdisches Museum Berlin: Max Steinthal – Ein Bankier und seine Bilder. http://www.jmberlin.de/main/DE/01-Ausstellungen/02-Sonderaustellungen/2004/steinthal.php (abgerufen am 29. Februar 2012).
Spiegel.de: Deutsche-Bank-Aktie für 104.000 Euro repatriiert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,333059,00.html (abgerufen am 29. Februar 2012).
Welt Online: Verschollene Kunst wiederentdeckt. http://www.welt.de/print-wams/article109050/Verschollene_Kunst_wiederentdeckt.html (abgerufen am 29. Februar 2012).
Berlin.de: Stolperstein Uhlandstr. 191. http://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/bezirk/lexikon/uhland191.html (abgerufen am 29.Februar 2012).

Kommentare:

  1. jetzt habe ich ein bisschen nach den Steinthals gegoogelt. Dein Text ist wieder sehr interssant.

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

    AntwortenLöschen
  2. Mit gefällt das immer, wenn ich höre oder lese, dass reiche Leute ihre Mitmenschen nicht total vergessen und von ihrem Vermögen auch für soziale Zwecke etwas abgeben.
    Ein trauriges Schicksal war das für die Menschen aus der damaligen Zeit, wenn ein ganzes Lebenswerk von anderen zerstört wird und alles nur aus Habgier.
    Schönen Dank für deinen interessanten Beitrag!
    Liebe Grüße von Zaunwinde

    AntwortenLöschen
  3. Hallo,

    das hast du wieder klasse beschrieben und klasse recherchiert. Da sieht man, welche Odyssee diese Gemäldesammlung durchgemacht hat. Die Gemäldegalerie im Kölner Wallraf-Richarz-Museum beruht meines Wissens auch auf privaten Sammlern (bei denen die Gemälde allerdings keine solche Odyssee mitgemacht haben). Dann ist mir noch aufgefallen, dass du die Quellen benennst. Ich hatte ja zuletzt etwas über Katharina Henot geschrieben und letztlich auf einen Aufsatz zurückgegriffen, den ich im Internet gefunden hatte. Aufsatz + Verfasser hätte ich ganz bestimmt als Quelle angeben müssen, wobei ich aber Aufbau und Gedankengänge komplett anders sortiert hatte und auch aus dem Blickwinkel unserer heutigen Zeit beschrieben hatte. Um die Gesamtthematik der Hexenverfolgung richtig zu verstehen, hatte ich noch einiges in Wikipedia recherchiert und im Bücherschrank zu Hause hatte ich noch ein Buch über Dirnen + Gaukler + Hexen im Mittelalter in Köln stehen (war allgemein, nichts über Katharina Henot). Ist doch richtig so, dass ich Aufsatz + Verfasser als Quelle hätte angeben müssen, selbst wenn ich nur bestimmte Teile verwendet habe und meine eigene Erzählung anders aufgebaut habe ?

    Gruß Dieter

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Sarah-Marie, es gibt so viele Filme, in denen man sehen kann, was du da als Realität beschreibst. Es ist für mich fast unerträglich so viel Ungerechtigkeit nur zu lesen. Wie unendlich schlimm muß es für die Menschen gewesen sein, das alles zu erleben.
    Ich finde es ausgesprochen gut, dass du solche Berichte postest und uns immer wieder erdest.

    Hab es schön!

    LG Rosine ♥♥♥

    AntwortenLöschen
  5. @Heidi: Lieben Dank!

    @Zaunwinde: Ja, da hast du Recht. Ob der Ackermann auch so viel spendet, weiß ich nicht.... Ein echtes Armutszeugnis ist auch die Unternehmes-Chronik auf der Website der Deutschen Bank http://www.deutsche-bank.de/de/media/DB_geschichte_meilensteine_120dpi_de.pdf . Da gibt es leider etliche Unternehmen, die ihre Geschichte nicht richtig aufarbeiten. In dem Zusammenhang habe ich auch noch einen Artikel zu den Kempinski Hotels. Das kann ich morgen mal posten.

    @Dieter: Mhm. Wenn das eine Geschichte ist, die viele kennen und sie immer wieder erzählt wird, muss man keine Quellen angeben. Zudem geben ja Journalisten in Zeitungen auch nie ihre Quellen an, in denen sie zu Hintergrundinformationen recherchiert haben an. Ich mache das aber immer aus unterschiedlichen Gründen: a) damit es nachvollziehbar für die Leser ist, b) für meine eigene Gedächtnisstütze, falls ich später nochmal was nachlesen will (beispielsweise für einen anderen Artikel) und c) veröffentliche ich die Texte ja „nur“ sekundär hier im Blog: sie wandern alle in unsere App „Stadtgeflüster“. Dort sind sie dann mit einer Karte verbunden. Als Stadtführer der etwas anderen Art. Daher will ich in Sachen Urheberrecht auf Nummer sicher gehen und gebe immer meine Quellen an.

    @Rosine: Ja, das geht mir auch oft so. Man weiß über diese ganzen schrecklichen Dinge Bescheid, aber man kann kaum nachempfinden, wie es den Menschen damals ging. Wenn man dann einzelne Schicksale liest kann man sich besser reinfühlen.
    Ich habe nun schon etliche Geschichten für unsere Berlin-App Stadtgeflüster geschrieben – und ich würde mal behaupten, dass etwa 70% damit enden: 1933, als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen .... musste schließen, ins Exil gehen, im Krieg zerstört, verwüstet, ermordet, usw.
    Dass die Nationalsozialisten zu den größten Verbrechern aller Zeiten gehören, war mir zwar schon vorher klar, aber all‘ diese einzelnen zerstörten Schicksale von Menschen, Gebäuden, Vereinen, Theater, Museen, Sammlungen, Künstlerkreisen, Jugendkulturen, usw. aufzuschreiben, hat mich eine wirklich unbändige Wut auf die Nazis entwickeln lassen.

    @Alle: Vielen, vielen Dank für eurer Interesse und Kommentare. Liebe Grüße, Sarah Maria

    AntwortenLöschen
  6. Wieder ein sehr interessanter Beitrag von Dir. Immer wieder schön, so wichtige Informationen zu bekommen. Danke Dir dafür ! Viele Grüße Synnöve

    AntwortenLöschen
  7. Vielen Dank für den interessanten Beitrag, es ist wirklich ein Vergnügen, deinen Blog zu lesen, auch wenn die Beiträge nicht immer sehr erfreulich sind.
    Ich weiß irgendwie gar nicht, was ich dazu schreiben soll... Die jüdischen Mitbürger Deutschlands und anderer europäischer Staaten haben so viel für ihr jeweiliges Heimatland gemacht und trotz dessen wurden sie immer verfolgt und verstoßen, und heute interessiert sich ein Großteil der Leute überhaupt nicht dafür... Aber wahrscheinlich kann man es auch nicht ändern.

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...