Donnerstag, 17. Mai 2012

doktorchen werner gladow

In der Berliner Schreinerstraße 52 lieferten sich 1949 die Polizei und „Doktorchen“ Werner Gladow eine einstündige Schießerei, bei der der erst 18-jährige Bandenchef schließlich von der Polizei festgenommen wurde.

Schon mit 16 Jahren war er einer der Hauptfiguren auf den Berliner Nachkriegs-Schwarzmärkten. Schnell steigerte er seine Gaunereien zu handfesten Einbrüchen mit seiner Bande, die stets in Anzug und Krawatte auftrat. Bei ihren Beutezügen nutzten sie die damals noch mauerlose Teilung Berlins: wenn sie irgendwo im Westen einbrachen, flohen sie anschließend in den Osten und umgekehrt. Die Verfolgung der Polizei endete jedes Mal an der Grenze von West und Ost. Nur einem kurzen Burgfrieden der beiden Berliner Polizeidienststellen ist es zu verdanken, dass einer von Gladows Bandenmitglieder gefasst werden konnte und dieser sie zu weiteren Komplizen führte, bis sich die Indizien schließlich verdichteten und Gladows Wohnsitz festgestellt werden konnte.

Die Anklagepunkte waren kaum noch zu zählen: ein toter Chauffeur, dessen Auto sie Unter den Linden geraubt hatten ging auf ihr Konto und auch ein Juwelier, der seiner Ware hinterherlief, wurde von ihnen ohne zu zögern abgeknallt. Ein anderer Juwelier wurde von ihnen in der Frankfurter Allee gefoltert, um von ihm das Versteckt seines Tresorschlüssels zu erfahren und als das nichts half, nahmen sie sich seine Frau vor. Sie schreckten auch nicht davor zurück in ein Wirtshaus einzufallen und allen Gästen die Brieftaschen abzunehmen. Als sich dort die 60-jährige Wirten zu wehren versuchte, schossen sie sie kurzerhand nieder.

Der Prozess fand im Ostsektor in dem als Gerichtssaal improvisierten Reichsbahndirektionsgebäude in der Torstraße 146 statt (das Gebäude wurde vor der NS-Diktatur übrigens als Israelitisches Krankenheim genutzt). Der Polizeipräsident Waldemar Schmidt kam zu den Verhandlungen stets mit einer Hundertschaft als Eskorte, denn neben Werner Gladow saßen noch elf seiner Komplizen auf der Anklagebank. Der Gerichtsaal war bis auf den letzten Platz mit Menschen gefüllt: Politiker, Polizeibeamte, Presse, Fernsehen und auch jede Menge Schaulustige, die Unsummen für die Publikumstickets auf dem Schwarzmarkt hingeblättert hatten, wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Selbst einige Westberliner, die den Ostsektor eigentlich unter keinen Umständen betreten wollten, sahen über ihre Prinzipien hinweg.

„Ich hatte noch ganz andere Sachen vor“, gestand Doktorchen Gladow kaltblütig während des Prozesses. „Die Bande war jetzt so prime im Schuß. 17 dicke Sachen klappten nacheinander wie am Schnürchen", zitierte ihn der Spiegel vom 6. April 1950. Dumm nur für den plauderfreudigen Gladow, dass er sich in Ost-Berlin hat festnehmen lassen, denn dort gab es damals noch die Todesstrafe. Und jene wurde schlussendlich auch gegen ihn und zwei seiner Bandenmitglieder verhängt. Die anderen Angeklagten wurden zu 4-15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Quellen:
Deutschlandradio Kultur: Vom Metzgersoh zum Gangsterboss. http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/363740/ (abgerufen am 23. Juni 2011).
Feuer unter Kaufmannsfüße. In: Der Spiegel, 14/1950.
ARD: Die Gladow-Bande - Chicago in Berlin. http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,rchseychrvx2k70uclofyyde~cm.asp (abgerufen am 23. Juni 2011).
Studnitz, P.: Schirach über famose Berliner Verbrechen. In: B.Z., 21.07.2010.
Edition Luisenstadt: Israelitisches Krankenheim. http://www.luise-berlin.de/lexikon/mitte/i/israelitisches_krankenheim.htm (abgerufen am 23. Juni 2011).

Kommentare:

  1. Ehrlich währt am längsten?!

    LG Rosine ♥

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  2. Hallo Sarah Maria :-)
    Hier bin ich als neue Leserin, mit Startnummer 40. *hihi*

    Ich habe mich sehr gefreut das du bei mir kommentiert hast und verbleibe mit *lieben Grüßen*, und den Worten "Wir lesen uns...!"

    Schönen Feiertag. ;-))
    LG von Brooke

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  3. immer wie spannend zu lesen, was man über berlin noch nicht wusste!
    und danke für deinen lieben kommentar, ich finde auch: ein kleiner wein hilft immer :) liebe grüsse, holunder

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  4. Hallo, bin hier gelandet und möchte nicht ohne Gruß deinen Blog verlassen, alles Gute, KLaus

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  5. das ist wieder ein richtiger Krimi am Donnerstag Abend :-)

    danke für die Info zum Doktorchen Werner Gladow

    und liebe Grüße von Heidi-Trollspecht

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  6. Na sowas aber auch!
    Ganz schön gerissen.
    Ost und West gegeneinander ausspielen, das hatte ja was. Wäre er nur nicht so rabiat vorgegangen.
    Danke für diesen sehr interessanten Bericht.

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  7. Wow, Banditen mit Anzug und Krawatte habe ich auch noch nicht gesehen. Allerdings waren sie schon ganz schön hart. Ein schöner Beitrag. Viele Grüße Synnöve

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  8. Hallo Sarah-Maria,

    ein richtiger Krimi und ich habe von der Bande gehört aber Deine Informationen habeb sie noch erweitert - sehr spannend!

    Einen lieben Gruß und eine schöne Woche von Senna

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  9. Diese Geschichte liest sich wirklich wie ein Krimi und war sicher auch Anregung für einige Krimiautoren.
    Danke für die Information Sarah-Maria, ich kannte die Geschichte noch nicht!
    ♥lichst Zaunwinde

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  10. Wow, dein Blog ist echt interessant und schön gemacht. Ich lese mich noch ein bisschen durch. Kranksein hat auch was Gutes. Wenn ich nicht gerade schlafe, dann kann ich den ganzen Tag Blogs anschauen :-)

    Liebste Grüße
    mrs. mandel

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